Zwei Boote

Ich sitze am Ufer und schaue auf das Wasser. Ruhig strömt der Fluß dahin. Manchmal bilden sich kleine Wellen. Das macht der Wind. Oder die Strömung. Oder, ich weiß nicht, was sonst. Ich habe den Fluß immer geliebt, weil er so beständig und so friedlich ist. Sicher und geborgen habe ich mich an seinem Ufer gefühlt, als gäbe es kein Unheil und keine Gefahren, als wäre er ein Freund, der mich vor allem beschützt.
Wie dumm ich doch bin!
Es gibt keinen Frieden und keine Geborgenheit! Nirgends!
Und treue Freunde, die einen beschützen - ach, lächerlich!
„Warum?“ schreie ich auf den Fluß hinaus. „Warum hast du mich so belogen?“
Glatt und harmlos sieht er aus, fast als würde er nicht einmal fließen!
Wie konnte ich mich davon täuschen lassen? Unter der beinahe unbewegten Oberfläche verbirgt er Strudel und Untiefen, die jedem gefährlich werden, der ihnen zu nahe kommt!
Wie konnte ich an seine Beständigkeit glauben? Wasser ist nicht beständig! Der Fluß kann sich ein neues Bett graben! Er kann im Frost erstarren! Er kann sogar austrocknen, sodaß nichts zurückbleibt, als ein stinkender Sumpf oder rissige, verdorrte Erde, die nichts Gutes und nichts Schönes mehr hervorbringen kann!
Wenn einem schon die Natur Sicherheit und Treue verwehrt - wie konnte ich sie bei den Menschen suchen?
Ganz gemächlich treibt ein Boot auf dem Fluß. Ein Mann sitzt darin, allein, soweit ich das erkennen kann.
Mir steigen die Tränen in die Augen.

Wie fest habe ich daran geglaubt, daß wir in einem Boot sitzen, Daniel und ich! Daß wir unser Schiffchen gemeinsam über den Fluß manövrieren würden, den Fluß, der Leben heißt! Daß nichts und niemand uns etwas anhaben könnte, kein Sturm, keine Angriffe von außen - solange wir nur zusammenhalten!
Was ist davon geblieben?
Wann haben wir uns so voneinander entfernt?
„Du fesselst mich mit deiner Liebe, wie mit einem Seil! Du nimmst mir die Luft zum Atmen!“ hat Daniel mir bei unserem letzten Streit vorgeworfen. „Du zwingst mich ja geradezu, dir aus dem Weg zu gehen! Glaubst du wirklich, es macht mir Spaß, dir wehzutun? Aber ich brauche nun einmal auch meine Freiräume, versteh das doch!“

Wie kann er nur?
Wie kann er mich so beleidigen?
Meine Liebe mit einer Fessel vergleichen?
Nach allem, was ich für ihn getan habe, was wir miteinander erlebt und durchgemacht haben?
„Ich habe dich sehr, sehr lieb, das mußt du mir glauben!“ behauptete Daniel noch. „Aber offensichtlich hast du von unserer Beziehung ganz andere Vorstellungen und Erwartungen, als ich! Denk doch bitte einmal darüber nach!“
Dann ist er gegangen, hat mich einfach allein gelassen!

Wann war das? Gestern? Vor ein paar Stunden erst?
Aber das ist ja so unwichtig! Alles ist unwichtig - unwichtig geworden!
Warum ist das mit uns so verkorkst gelaufen?
An mir hat es nicht gelegen, das steht fest! Ich habe wirklich alles für ihn getan - durch Feuer und Wasser bin ich für ihn gegangen!
Wie kann er nur so undankbar sein?
Ich starre auf das Boot, das langsam an mir vorüberzieht, an mir vorbeitreibt, von mir wegtreibt - genau wie Daniel von mir weggetrieben ist!
Unwillkürlich stehe ich auf und trete ganz dicht an das Wasser heran.
Warum springe ich nicht einfach hinein in diesen Fluß, der mich genauso betrogen und in einer trügerischen Sicherheit gewiegt hat, wie Daniel das getan hat? Die Vorstellung erscheint mir ungeheuer verlockend!
Alles, was mir in meinem Leben jemals etwas bedeutet hat, ist mir wie Wasser durch die Finger geflossen. Warum also sollte ich nicht gleich eins werden, mit diesem verlogenen Fluß? Warum springe ich denn nicht? Es wäre doch so einfach! Was hält mich zurück?

Erst jetzt bemerke ich, daß dem ersten Boot mit einigem Abstand ein zweites folgt. Es wundert mich gar nicht, daß eine Frau darin sitzt - natürlich auch allein! Ein wahnsinniger Zorn überkommt mich!
„SO hast du dir das also vorgestellt?“ schreie ich über das Wasser hinweg. „Auf Abstand willst du mich halten, bis du mich zufälligerweise mal wieder brauchst? In meinem eigenen Boot soll ich bleiben, weil DU nur nehmen, aber nichts zurückgeben willst?“
Bitte - du hast es nicht anders gewollt, mein Lieber!
Wenn du meine Nähe, meine Zuneigung, meine Hilfe nicht willst, werde ich sie dir nicht mehr aufdrängen! Aber beklage dich nur nicht, wenn dir künftig niemand mehr alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumt - ich werde es jedenfalls nicht mehr tun! Wütend trete ich gegen einen losen Stein, der am Ufer liegt. Ich stoße ihn ins Wasser. Dann noch einen und noch einen! Am liebsten würde ich ihn mit Steinen, Asten und Erdklumpen zuschütten, diesen verdammten Fluß! Den Fluß UND meine Gefühle! Ihr da draußen in euren albernen Booten werdet es auch noch begreifen, wie dumm ihr seid! Eines Tages werdet ihr euch wünschen, ihr hättet den anderen an euch herangelassen, in euer Boot geholt! Aber dann wird es wohl zu spät sein! Und dann geschieht es euch auch ganz recht! Euch - und Daniel!
Plötzlich halte ich inne.
Der Mann in dem vorderen Boot zieht seine Ruder zu sich herein, dreht sich um und winkt der Frau zu. Sie hebt die Hand, offenbar als Zeichen, daß sie verstanden hat, und holt ebenfalls die Ruder ein. Wider Willen schaue ich gespannt zu, was nun geschieht.
Der Mann beugt sich über das hintere Ende seines Bootes. Erst jetzt entdecke ich das Seil, das dort befestigt ist - und das mit der Spitze des zweiten Bootes verbunden ist. Wie auf Kommando greifen beide, der Mann und die Frau, nach dem Tau und ziehen daran, bis die Boote dicht beieinander liegen. „Wenigstens die haben es begriffen!“ denke ich, gleichzeitig aufgeregt und verbittert.

Aber ich täusche mich!
Die beiden machen keine Anstalten, eines ihrer Boote aufzugeben und gemeinsam in einem weiterzufahren!
Sie bringen die beiden Boote Seite an Seite direkt nebeneinander und binden sie mit dem Seil zusammen!
Sie umarmen einander und ich höre bis zum Ufer hin, wie sie glücklich und ausgelassen lachen. Sie halten sich an den Händen, legen die Köpfe zärtlich aneinander und scheinen einander so nahe, als gäbe es gar keine trennende Bootswand zwischen ihnen! Mit brennenden Augen sehe ich ihnen nach, während die Strömung die beiden miteinander verbundenen Boote langsam mit sich fortführt.

Ich lasse mich wieder ins Gras der Uferböschung fallen und stütze den Kopf in die Hände.
Ganz plötzlich frage ich mich, ob es wirklich allein Daniels Schuld ist, daß es mit uns so schief gelaufen ist!

Liebe - was bedeutet Liebe eigentlich für mich?
Es steht ganz sicher fest, daß ich niemals etwas Schlechtes wollte!
Ich wollte ganz und gar für Daniel da sein, ihm helfen, ihm jeden noch so kleinen Gefallen tun, am liebsten so denken und sogar aussehen, wie ER! Wenn ich nur gekonnt hätte - ich wäre mit ihm eins geworden und hätte dafür jedes Opfer gebracht! Wichtig war mir nur, IHN glücklich zu machen! Dafür wollte ich alles tun, um jeden Preis und mit aller Gewalt und ihn vor allem nie, nie wieder loslassen.

Aber ist das der richtige und vor allem der einzige Weg, eine gute Beziehung zu führen?
Habe ich damit denn wirklich IHN gemeint - oder habe ich nicht vor allem meine eigene Opferbereitschaft und Hingabe geliebt?
Wenn ich es recht bedenke, habe ich ihm sicher das Leben oft recht schwer gemacht, mit meiner selbstsüchtig-selbstlosen Zuneigung! Aber ich habe es nicht gewußt!

„Du fesselt mich mit deiner Liebe, wie mit einem Seil!“
Nein, ich will Daniel nicht fesseln! Ich habe das nie gewollt - und vor allem will ich es nicht mehr!
Es muß doch auch eine Liebe geben, die nicht fesselt, sondern die Sicherheit und Verbundenheit gibt - ja, wie das Seil zwischen den beiden Booten auf dem Fluß!

Vielleicht muß ich lernen, loszulassen!
Loszulassen und darauf zu vertrauen, daß das Seil unserer Liebe so stark ist, auch Zeiten der Entfernung auszuhalten!

Ich hebe den Kopf.
Ohne es zu wissen, haben diese beiden mir völlig unbekannten Menschen einen neuen Weg gezeigt!
Ob ich ihn wirklich gehen kann, ob er mich zum Ziel führt - das weiß ich noch nicht.
Bestimmt ist es eine Chance!
Vielleicht sogar für Daniel und mich, für unsere Beziehung!
Aber das wird Zeit brauchen und es wird nicht einfach sein!

Irgendwann werde ich ihm alles erzählen, was ich heute erlebt habe.
Vom Fluß, von den beiden Booten - und von dem Seil, das verbinden, aber nicht fesseln soll!
Er hat gesagt, daß er mich liebhat - vielleicht wird er mich auch verstehen!

Ich sitze am Ufer und schaue auf das Wasser. Ruhig strömt der Fluß dahin. Ich spüre, daß er mir wirklich ein guter und treuer Freund ist, der es gut mit mir meint! Manchmal bilden sich kleine Wellen. Das macht der Wind. Oder die Strömung. Oder was auch sonst immer.
Zwischen den Wolken kommt die Sonne zum Vorschein. Ihre Strahlen glitzern auf dem Wasser - wie ein Hoffnungsschimmer.



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