Lauretta

Milch und Honig


 
 

 
 

Doch in der Hand hob ich meine Hand zum Schwur, daß ich sie nicht in das Land bringe, das ich für sie bestimmt hatte, in das Land, wo Milch und Honig fließen, das Schuckstück unter allen Ländern.

(Ezechiel 20,15)

 
 

Vorwort

Die Fabeln waren geschrieben, es fehlte nur der Titel. Aber da tappte ich ziemlich im dunkeln...

Dann, eines Abends, kam mir plötzlich in den Sinn, zu sagen: „Herr, ich habe diese Fabeln geschrieben, um von deinem Königreich zu erzählen. Warum wählst du dann nicht auch den Titel aus?“

Ich öffnete auf gut Glück meine Bibel und las:

„Ihr seid mein Volk und ich werde euer Gott sein, nur so kann ich den Eid halten, den ich euren Vätern geschworen habe: ihnen ein Land zu geben, wo Milch und Honig fließen.“ Ich antwortete: „So sei es, Herr!“ (Jeremia 11, 4-5)

Ich war verblüfft. Vor mir sah ich einen klaren Bibelvers und - einen wirklich wunderbaren Titel! Wieder und wieder las ich die Stelle, die mir da geschenkt worden war. Dann fing ich an, nur zwei Wörter davon zu wiederholen: Milch und Honig, Milch und Honig...

Je öfter ich sie sprach, desto mehr fingen sie an zu leuchten, zu schillern und vor Freude zu explodieren. Und da sagte auch ich, wie der Prophet: „So sei es, Herr!“

Und ich entdeckte, welche Empfindungen diese beiden kleinen Wörter hervorrufen.

Milch und Honig: ein unmittelbarer Ruf der versprochenen Welt, des Paradieses!

Milch und Honig: ein Ruf der Kindheit und der Süße!

Milch und Honig sind Speisen. Und ich denke gern an die Menschen in der Buchhandlung, die sagen, sie seien auch Nahrung für den Geist!

Milch und Honig sind eine Medizin. Im Winter, wenn jemand erkältet ist, reicht man ihm eine Tasse mit Milch und Honig und sagt: „Es wird dir guttun!“

Diese Fabeln nun reiche ich vor allem Dir, der Du ein „erkältetes“ Herz hast: ich hoffe, daß ein wenig Milch und Honig dich erwärmen und dein Herz heilen werden!

Lauretta

 
 

 
 

Die wahre Freiheit

„Pst...pst... wir müssen uns nach der anderen Seite drehen!“ „Ich drehe mich, wohin ich will! Kümmere du dich um deine eigenen Sachen und laß mich in Ruhe!“ Dieses geflüsterte Gespräch findet in einem Feld zwischen zwei Sonnenblumen statt, von denen die eine - Sonn-Ja ist ihr Name - sich, während alle anderen ihren Kopf zur Sonne hinwenden, in die entgegengesetzte Richtung dreht.

Es ist nicht das erste Mal, daß Sonn-Ja sich so benimmt.

„Wenn du das tust, um aufzufallen, so gelingt dir das hervorragend!“ bemerkt eine Schwalbe. „Ich mache das nicht, um aufzufallen!“ antwortet die Blume gekränkt. „Mein Benehmen hat viel tiefere Gründe - philosophische gewissermaßen.“ „Vielleicht wäre es besser, wenn Blumen nicht versuchen würden, philosophisch zu werden, sondern sich damit begnügten, Blumen zu sein!“ meint die Schwalbe. „Du heißt nun einmal Sonn-Ja, du bist eine Sonnenblume und mußt dich zur Sonne drehen: das sagt ja schon dein eigener Name!“ „Hört, hört, welch kluge Überlegung!“ erwidert Sonn-Ja schnippisch. „Das ist ja gerade der Beweis, daß wir nicht frei sind: sogar unser Name schreibt uns vor, was wir zu tun und zu lassen haben! Aber ich lasse mich zu nichts mehr zwingen. Und darum sollst du auch aufhören, mich ,Sonn-Ja' zu nennen: ich ziehe es vor ,Nein-Sonn' zu heißen, so begreift man sofort, daß die Sonne und ich nichts miteinander zu tun haben!“

„Bist du immer so empfindlich?“ fragt die Schwalbe. „Ich bin nicht empfindlich, ich versuche nur, die Sache richtig zu erklären, hier in diesem Wald von Marionetten. Schau sie dir doch nur an: sie scheinen mit einem Faden an die Sonne gefesselt zu sein; so wie sie sich bewegt, bewegen die sich auch!“ „Das stimmt.“ sagt die Schwalbe, „Ich finde sie rührend. Manchmal denke ich, daß sie in ihrem Bemühen, sich in der Sonne zu spiegeln, ihr ganz ähnlich geworden sind; sie sind wie kleine Sonnen, die auf der Erde leuchten.“ „Blödsinn!“ erklärt Nein-Sonn. „Ich finde sie einfach lächerlich. Ach, wenn ich nur nicht diese Wurzeln hätte, die mich an die Erde fesseln! Ich würde so weit wie möglich fortgehen von dieser Sonne, die über mein Leben bestimmt. Ich würde frei sein und zum glücklichsten Geschöpf der Welt werden!“ „Wenn nur die Wurzeln dein Problem sind,“ meint die Schwalbe, die der Philosophin eine schöne Lektion erteilen möchte, „wenn nur die Wurzeln dein Problem sind, kann ich dich befreien und bringen, wohin du willst.“ „Tatsache? Das ist der schönste Tag in meinem Leben!“ frohlockt die Blume. „Entwurzle mich schnell, ich bitte dich, und bringe mich weit, sehr weit weg von hier!“ Sofort fliegt die Schwalbe davon, um andere Schwalben zur Hilfe zu holen. Und dann lösen sich die Wurzeln der Blume aus der festen Erde. Und mit Hilfe der Schwalben erhebt sie sich in den Himmel.

So weit wie möglich fort von der Sonne, hatte Nein-Sonn sich gewünscht, aber nun, nach drei Tagen, in denen sie ununterbrochen geflogen sind, bemerkt sie, daß es gar nicht möglich ist, der Sonne zu entfliehen, wie weit man auch gehen mag. „Bleiben wir doch hier!“ schlagen die Schwalben vor. „Wir sind müde - und für dich wird es gefährlich, so lange von der Erde fernzubleiben.“ „Auf keinen Fall!“ antwortet die Blume. „Ich habe gesagt, daß ich dorthin will, wo die Sonne nicht hinkommt, und dabei bleibt es!“ „Aber diesen Platz gibt es nicht.“ erklärt eine Schwalbe. „Die Sonne kommt überall hin, man kann vor ihrem Licht nicht fliehen. Höchstens könntest du dich ihr für sechs Monate entziehen, wenn du in eine Polargegend gehst, wo die Sonne sich so lange nicht sehen läßt.“ „Ausgezeichnet: gehen wir zu einem Pol!“ sagt Nein-Sonn. Sie ist mehr denn je entschlossen, ihren Willen durchzusetzen. „Aber du wirst in der Eiseskälte sterben!“ rufen die Schwalben im Chor. „Pah, würdet ihr euch um eure eigenen Angelegenheiten kümmern? Ihr erinnert mich an gewisse Sonnenblumen, die ich jetzt glücklicherweise nicht mehr sehen muß!“

Keiner weiß, wie die armen Schwalben, zitternd und vor Kälte fast erstarrt, endlich am Südpol angekommen sind! Dort haben sie die Blume aufs Eis fallen lassen und schleunigst kehrtgemacht.

Als sie nun endlich am Pol angekommen ist, sieht sich Nein-Sonn behutsam um. Die Schwalben hatten recht: nirgends scheint ein einziger warmer Sonnenstrahl zu sein. Die Polarnacht deckt alles zu. „Sechs Monate lang habe ich meine Ruhe!“ denkt die Blume. Sie stößt einen Seufzer der Erleichterung aus und versucht, ihre Wurzeln in das Eis zu versenken. „Paß auf, du wirst dir Rheumatismus holen!“ warnt ein Pinguin, der sie seit geraumer Zeit beobachtet. „Was ist schon Rheumatismus gegen die Freiheit, die ich nun endlich erworben habe!“ erwidert Nein-Sonn. „Ach so, du bist auch eine von diesen Sonnenblumen, die ihre Heimat verlassen, um vor der Sonne zu fliehen?“ fragt der Pinguin mit wissendem Gesicht. „'Eine von den Sonnenblumen' sagst du? Meinst du damit, daß ich nicht die Einzige bin?“ „Ihr glaubt immer, die Einzige zu sein, aber ich habe schon zu viele von euch Sonnenblumen gesehen: ihr seid doch alle gleich.“

Die Worte des Pinguins haben den Stolz der Blume ziemlich verletzt. Also war sie nicht die Einzige! Andere hatten schon vorher den gleichen Gedanken gehabt. Das war nun wirklich ärgerlich! Schließlich war sie nicht aus ihrer Heimat geflohen, um sich anzuhören, daß sie nicht einzigartig sei. Oder noch schlimmer: sich sagen lassen zu müssen, sie sei wie alle anderen auch! Obwohl ihr die Unterhaltung mit dem Pinguin nicht sonderlich gut gefällt, will sich Nein-Sonn nun Klarheit in dieser Angelegenheit verschaffen. Darum fragt sie: „Und darf man wohl erfahren, was aus all den anderen geworden ist?“ „Oh, früher oder später sind sie alle zurückgekehrt...“ „Das ist eine gute Nachricht.“ denkt die Blume. „Denn daran wird man sehen, daß ich doch nicht wie alle anderen bin: ich werde nie zurückkehren!“

Schnell vergehen die Tage.

Schmerzhafte Stiche, die immer heftiger werden, steigen von den Wurzeln der Blume bis zum Stiel hinauf. Auch die Gedanken sind ihr vor Kälte ein wenig abgestumpft. Aber es gibt ja auch nicht viel zu denken, wenn man glücklich ist. Und Nein-Sonn ist fest davon überzeugt, jetzt glücklich zu sein.

Zwei Wochen sind vergangen. Die Blume kann sich nicht mehr auf ihrem Stengel halten. Sie liegt ausgestreckt auf der vereisten Fläche, zitternd und ohne Gedanken. Im Herzen hat sie nun ein unbestimmtes Gefühl der Angst.

Mittlerweile ist Nein-Sonn einen, vielleicht sogar schon zwei Monate am Südpol. Die Blume wird durch Kälteschauer geschüttelt. Völlig erschöpft sagt sie in einem ihrer wenigen lichten Momente zu sich selbst: „Ich muß sofort an etwas denken, ich muß etwas tun...“ Aber ihr erstarrter Geist ist unfähig, eine Entscheidung zu treffen. Sie liegt auf dem Eis ausgestreckt und murmelt völlig wirres Zeug, bis sich aus dem Wust von sinnlosen Sätzen ein Name seinen Weg sucht, den sie schon längst vergessen geglaubt hat: „Sonne...“ murmelt die Blume, „Sonne...“

Genau in diesem Moment kommt der Pinguin vorbei, der sie am Pol hat ankommen sehen. „Sonne...“ ruft die arme Blume immer wieder aus, „Sonne... ich sterbe!“ Der Pinguin weiß sofort, was zu tun ist: er läuft davon und ruft eine Möwe. Und die hebt die unglückliche Blume auf und bringt sie, so schnell sie nur fliegen kann, nach Hause zurück.

Nun liebkosen wieder die warmen Sonnenstrahlen ihr Gesicht und trocknen zärtlich die Blütenblätter.

Sonn-Ja ist zu glücklich, zu verwirrt und zu beschämt, als daß sie irgend etwas sagen könnte. Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig. Im Moment wenigstens.

Es ist so schön, wieder hier zu sein! Die Liebkosung der Sonne ist so tröstlich! So vertrauenerweckend ist die Umarmung der Erde! Und so süß ist die Gesellschaft der anderen Sonnenblumen!

Niemand spricht, aber ein Gefühl von Freude und Fröhlichkeit durchläuft das ganze Feld. Denn es ist immer eine große Freude, wenn eine Sonnenblume wieder heimgekehrt ist.

Am Abend dann, als die Sonne untergeht, wenden sich alle Blumen wie immer nach Osten, dorthin, wo die Sonne morgen aufgehen wird.

„Weil es sicher ist, daß sie wiederkommt!“ flüstert eine Sonnenblume.

„Weil du mein Liebstes bist!“ murmelt eine andere.

„Weil man in der Nacht an das Licht glauben muß!“ sagt die größte Sonnenblume.

„Weil ich dich so brauche!“ wispert die kleinste.

„Weil die Sonne mich lieb hat und auch ich sie liebe.“ denkt Sonn-Ja, die Sonnenblume, die vom Südpol zurückgekehrt ist. „Denn wo Liebe ist, ist wahre Freiheit!“

 


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