Der kleine Esel hatte entsetzliche Angst! Er konnte nicht begreifen, was da um ihn herum und mit ihm vorging! Angefangen bei diesem unangenehmen Lederriemen, der immer noch fest um seinen Kopf lag, über die ersten Schläge, die er in seinem Leben bekommen hatte, bis hin zu diesem engen Kasten, in dem man ihn nun eingesperrt hatte, war alles schrecklich und furchteinflößend!
Und was war das nun wieder? Der Kasten fing an, sich zu bewegen! Es rüttelte und rumpelte und direkt vor ihm knatterte es ohrenbetäubend! Der arme Mano verlor vor Schreck fast den Verstand! Er stampfte mit den Hufen auf den Boden. Sein Schwanz peitschte unruhig hin und er. Er schüttelte ununterbrochen den Kopf und rollte mit den Augen.
Als aber eine Weile verstrichen war, ohne dass ihm ein neues Unheil zustieß, beruhigte er sich ein wenig. Trotzdem - die ganze Angelegenheit war und blieb scheußlich!
Endlich hörte das Gerüttel und Gerumpel auf. Auch das Geknatter war mit einemmal verstummt. Aber statt erleichtert zu sein, wurde der kleine Esel ganz steif vor Angst. Was würde nun kommen?
Die Tür von dem Transporter wurde aufgeklappt und der Mann, der Mano geschlagen hatte, erschien in der Öffnung. „So, da wären wir!“ sagte er fröhlich. Er griff nach dem Halfter. „Los, komm!“ befahl er dem Esel. Mano drehte den Kopf. Raus wollte er, ja natürlich, je schneller, desto lieber! Aber wie sollte er das denn anstellen? Dieser verflixte Kasten war doch so eng, dass er sich gar nicht umdrehen konnte! Er schnaubte und schüttelte den Kopf. „Na, wird’s bald?“ sagte Umberto streng. Er legte die linke Hand auf die Brust des Esels und schob kräftig. Mano machte ein paar Schritte zurück, dann zögerte er wieder. Er hatte noch nie rückwärts aus so einem Gefährt steigen müssen und darum hatte er Angst. „Du willst doch wohl nicht schon wieder störrisch sein?“ sagte der Dresseur humorlos. „Los, geh weiter, aber ein bisschen schnell! Oder bist du einfach zu blöd, um zu kapieren, dass du rückwärts laufen musst?“
Mano blieb stocksteif stehen. So eine Frechheit! Natürlich war er nicht zu dumm, zu begreifen, dass er aus diesem verhassten Transporter nur rückwärts wieder herauskommen konnte - und dass der Mann mit der Peitsche genau das von ihm erwartete! Aber das war auch der springende Punkt: Mano hatte nicht die geringste Lust, diesem Grobian zu gehorchen.
Ein neuer Ruck am Halfter und ein weiterer Stoß vor die Brust sagten ihm allerdings, dass mit seinem neuen Herrn nicht gut Kirschen essen war, wenn man ihm nicht folgte! So gab der kleine Esel für diesmal seinen Widerstand auf und ließ sich Schritt für Schritt aus dem Transporter schieben.
Als er dann endlich draußen stand, schaute er sich mit großen, erstaunten Augen um. Wo war er denn hier gelandet? Er war ja gar nicht mehr auf dem Gutshof von Herr Reinhardt!
Er stand auf einem großen Platz. Rings um ihn herum standen viele große, bunte Wagen mit kleinen Fenstern. Dann gab es einige ganz einfache Gebäude, die anscheinend aus Holz oder Blech gebaut waren. Neben einigen lagen Ballen mit Heu und Stroh. Dort wohnten offenbar Pferde. Oder vielleicht andere Esel? Aber selbst diese Vorstellung konnte Mano nicht übermäßig aufheitern. Etwas weiter hinten entdeckte er ein großes rot-weiß-grün-gestreiftes Zelt.
Mehrere Menschen kamen auf Umberto und seinen Esel zugelaufen. „Na, da hast du ihn ja!“ rief einer. „Ist alles gutgegangen?“ fragte ein anderer. „Ist das ein hübsches Kerlchen!“ meinte ein dritter. Er trat dicht heran und kraulte dem kleinen Esel freundlich das kurze, graue Fell. „Hübsches Kerlchen? Alles gutgegangen? Ha, das ist ein richtiger kleiner Teufelsbraten!“ rief Umberto. Und er erzählte schwungvoll von dem aufregenden Transport des kleinen Esels. Die Umstehenden lachten. Das Eselchen senkte den Kopf und trat nervös von einem Bein auf das andere. Nur der Mann, der es so hübsch gefunden und gestreichelt hatte, schien zu spüren, wie unbehaglich es sich fühlte. „Das war eben alles sehr ungewohnt für ihn,“ meinte er begütigend. „Er hat sich eben erschreckt.“ Aber Umberto rief ungeduldig: „Ach, du hast immer für alles und jeden eine Entschuldigung, Cosimo! Aber ich sage dir: dieser Esel ist nicht erschrocken, er ist einfach ungebärdig und störrisch! Das Temperament ist ja in Ordnung - ein Zirkustier muss temperamentvoll sein! Aber die Bockigkeit treibe ich ihm schon aus! Das habe ich bisher noch mit jedem Tier geschafft!“ Die anderen nickten zustimmend. Schließlich war der große Linetto für seine Tierdressuren berühmt und alle erkannten seine Erfolge (mehr oder weniger) neidlos an. Nur Cosimo sah so aus, als würde er sich zu Umbertos Worten sein Teil denken.
Am nächsten Tag holte Umberto den kleinen Esel aus dem Stall, in dem dieser und die sechs Araber untergebracht waren.
Misstrauisch sah Mano ihn an. Der Dresseur legte ihm, wie gestern, das unbequeme Halfter um. Dann befestigte er einen sehr langen Lederriemen an dem Kopfstück. Er griff wieder nach der Peitsche. Aber diesmal schlug er nicht damit zu, sondern steckte sie in seinen rechten Stiefel. „Los, auf geht’s! Die Zeiten, wo du nur faul auf der Weide herumgelaufen bist, sind vorbei! Jetzt beginnt für dich der Ernst des Lebens!“ rief er aufmunternd. Der Esel trottete neben ihm her.
Umberto führte ihn auf einen Platz, in dessen Mitte eine lange Stange in den Boden gerammt war. An der befestigte er den Lederriemen. Der Dresseur führte den Esel so weit von dem Pfahl weg, dass die Leine sich spannte. Dann kommandierte er plötzlich mit scharfer Stimme: „Sche-ritt!“ Gleichzeitig setzte er sich in Bewegung und zog an dem Halfter. Mano, der durchaus nicht begriff, wozu das Ganze eigentlich gut sein sollte, war gezwungen, mitzulaufen. Runde um Runde trabte der Dresseur neben seinem Esel her. Immer wieder rief Umberto mit donnernder Stimme: „Sche-ritt!“ Nach einer Weile wechselte er die Richtung. Und wieder ging es rund herum, immer rund herum.
Mano fand die Angelegenheit herzlich langweilig. Zuhause, auf der Weide, als die anderen Fohlen noch mit ihm gespielt hatten, waren sie kreuz und quer gelaufen, wie es ihnen gerade einfiel und nie, nie immer nur im Kreis!
Endlich blieb Umberto stehen. Gönnerhaft tätschelte er die Flanke des kleinen Esels. „Gut gemacht, Mano, brav!“ murmelte er. Er ließ das Halfter los und ging ein paar Schritte von Mano weg. Stattdessen faßte er nun die Leine an. „Sche-ritt!“ kommandierte er wieder.
Verständnislos schaute der kleine Esel ihn an. Was sollte er?
„Sche-ritt!“ brüllte Umberto und schnalzte mit der Leine.
Mano begriff noch immer nicht, was sein Herr von ihm wollte. Was, in aller Welt, bedeutete dieses Wort, das der da andauernd brüllte? Hieß es vielleicht so viel wie ,Komm her’? Zögernd ging Mano auf seinen Herrn zu. „Nein!“ brüllte der und gab dem Esel einen empfindlichen Klaps auf die Nase. Erschrocken fuhr Mano zurück. Was hatte er denn falsch gemacht?
Umberto führte ihn wieder auf seinen Platz. „Da bleibst du!“ sagte er sehr streng. Wieder lief er mit Mano im Kreis herum. Aber diesmal ging er nicht direkt neben ihm, sondern hielt das Halfter am ausgestreckten Arm. „Sche-ritt, Mano, Scheeee-ritt!“
So machte er stundenlang weiter.
Solange Umberto neben seinem Esel herlief, war alles in Ordnung. Mano langweilte sich zwar bei dem ewigen Rundherum, aber er trottete doch gutmütig mit. Ganz allmählich ging ihm auf, dass dieses ohrenbetäubende „Sche-ritt!“, das sein Herr ihm andauernd entgegendonnerte, offenbar nichts anderes bedeutete, als dass er loslaufen sollte. Und das war ja nun wirklich nicht so schwierig.
Komplizierter wurde es dagegen jedes Mal, wenn Umberto das Halfter des kleinen Esels losließ und ein Stück von ihm wegging. Schon wusste Mano nicht mehr, wohin er nun laufen sollte. Wahrscheinlich musste er doch zu seinem Herrn, oder etwa nicht? Aber warum wurde der immer so böse, wenn Mano zu ihm herüberkam? „Bleib da!“ brüllte Umberto. „Bleib da!“
Mano verstand die Welt nicht mehr. Was hieß das denn nun schon wieder? Sollte er stehenbleiben? Gut, bitte, das konnte sein Herr haben! Mano stemmte die Hufe in die Erde und ging nicht mehr von der Stelle. Allmählich hatte er genug von diesem Hin und Her und Rundherum!
„Nicht stehenbleiben!“ schnauzte Umberto ihn an. „Sche-ritt! Scheeee-ritt!!!“
Aber jetzt hatte Mano endgültig keine Lust mehr! Anbrüllen ließ er sich nicht, dass das mal klar war!
„Na warte, dir werde ich schon die Flötentöne beibringen!“ grollte Umberto. Mit einem Ruck zog er die Peitsche aus seinem Stiefel. Unvermittelt ließ er sie durch die Luft sausen. Es gab einen lauten Knall.
Der Esel erschrak furchtbar. Er stieß einen lauten Schrei aus, bäumte sich auf und raste los. Umberto wurde buchstäblich von den Füßen gefegt. Mano rannte so schnell er nur konnte. Wenn nur diese verdammte Leine nicht wäre, die ihn zwang, immer im Kreis zu laufen! Er zerrte wild daran und schlug mit den Hinterbeinen aus. Hinter sich hörte er das wütende Gebrüll seines Herrn. „Bleib’ stehen, du Mistvieh! Halt, Mano! Scheee-ritt!!!“ Aber der kleine Esel hatte völlig den Kopf verloren. Er raste immer weiter. Er rannte und rannte, immer im Kreis herum, bis ihm endlich die Luft ausging und er doch anhalten musste. Da erst hörte er, dass der ganze Platz von einem schallenden Gelächter erfüllt war.
Rings herum standen sämtliche Stall- und Manegenarbeiter und viele Artisten. Sie alle wollten sich schier kaputtlachen. Es war aber auch ein zu komisches Bild: der kleine Esel, der mit wild rollenden Augen immer im Kreis herum raste und dabei auch noch bockte und nach allen Seiten ausschlug - und der große Linetto, der vor Wut schäumte, sinnlose Befehle brüllte, aber immer noch hilflos am Boden hockte, weil die Leine immerzu über seinen Kopf wegsauste!
Umberto stand auf und klopfte sich den Schmutz ab. Er hinkte ein bisschen, als er auf den kleinen Esel zuging. „Na warte, Bürschchen!“ knirschte er, als er Mano fest am Halfter packte. „Glaub’ ja nicht, dass du damit durchkommst!“ Und er führte den kleinen Esel in seinen Wagen zurück
Die folgende Zeit war nicht gerade lustig!
Was Mano auch tat – seinem neuen Herrn konnte er es einfach nicht recht machen!
Jeden Tag führte Umberto ihn auf den Platz und versuchte, ihm die Kunststücke für seine Nummer beizubringen.
Aber der kleine Esel stellte sich bei der ungewohnten Arbeit alles andere als geschickt an! Nicht aus Trotz - oder doch wenigstens nicht immer...
Nein, ganz im Gegenteil! Mano gab sich schon Mühe, die Übungen zu behalten, die Umberto von ihm verlangte. Nicht, dass er auch nur den geringsten Sinn und Zweck darin sah, unentwegt im Kreis herum zu laufen, mal im Schritt, mal im Trab, mal im Galopp – wie sein Herr es gerade haben wollte! Nicht, dass ihm die Angelegenheit auch nur den geringsten Spaß machte! Nein, er versuchte, brav und gehorsam zu sein, weil er Angst davor hatte, wieder bestraft zu werden. Denn dass Umberto nicht lange fackelte, wenn etwas nicht sofort klappte, wie er sich das vorstellte, hatte Mano schon am allerersten Tag gemerkt!
Manchmal ging es ganz gut. Dann klopfte der Dresseur ihm rau die Flanke und brummte etwas, das wie „Na also, warum nicht gleich so?“ klang.
Aber oft genug verstand er einfach nicht, was der große Mann überhaupt von ihm wollte. Schon wurde Umberto ungeduldig und seine laute Stimme brachte den armen kleinen Esel völlig aus der Fassung. Dazu auch noch dieses furchtbare Geknalle mit der Peitsche! Das machte ihn so nervös, dass in seinem Kopf prompt alles ausgelöscht war, was er vorher gelernt hatte und wieder alles falsch machte! Er zitterte am ganzen Leib, wenn sein Herr ihn dann so böse anbrüllte! Wenn er besonders wütend war, schlug er sogar mit der Peitsche zu!
Das Schlimmste aber war, dass Mano sich so einsam und traurig fühlte.
Natürlich war es auf dem Gutshof auch nicht immer schön gewesen. Vor allem in den letzten Tagen nicht, nachdem er den Unterschied zwischen Esel und Pferd erfahren hatte! Trotzdem vermisste er seine alten Gefährten und den netten Pferdepfleger Peter!
Hier im Zirkus gab es zwar auch Tiere. Mit den sechs Pferden seines Herrn teilte er sogar den Stall. Aber die redeten mit ihm nur gerade so viel wie es unbedingt nötig war. Die Gespräche, die sie gelegentlich im Auslauf mit ihm führten, beschränkten sich auf: „Rück mal zur Seite, ich will an die Tränke!“ oder „Musst du gerade hier stehen und mir den Weg zur Futterkrippe versperren?“ und ähnliche Bemerkungen.
Mano wunderte sich nicht mal allzu sehr darüber. Donna hatte ihm ja klar und deutlich gesagt, was Pferde von Eseln hielten!
Und diese Pferde waren darüber hinaus ja auch noch wirkliche, große Künstler! Seit Mano ihnen das erste Mal bei ihrem Training zugesehen hatte, bewunderte er sie von ganzem Herzen. Er würde so etwas nie können, da war er sicher! Inzwischen war er nämlich fest davon überzeugt, dass er für das, was Umberto von ihm verlangte, einfach viel zu dumm war. Er war ja schließlich ein Esel... Und selbst wenn ihm die Übungen eines Tages doch noch gelingen sollten - was für eine Figur würde er schon dabei machen! Er war nicht schön und elegant wie die Pferde und besaß erst recht nicht ihre graziösen Bewegungen! Er würde bei den Kunststücken, die Umberto ihm beizubringen versuchte, allenfalls komisch aussehen!
Er ahnte nicht, dass genau das die Absicht seines Herrn war! Dieser hatte sich darüber mit dem Clown Cosimo gestritten. „Ich finde es nicht richtig, dass du dem Esel die gleichen Kunststücke beibringen willst, wie deinen Pferden,“ sagte Cosimo nämlich. „Und wieso nicht, wenn ich fragen darf?“ antwortete Umberto belustigt.
Er hatte einen gewissen Respekt vor Cosimo, der in seiner Jugend ein berühmter Leiterakrobat und Jongleur gewesen war und jetzt immer noch eine großartige Clowns-Nummer machte. Aber gleichzeitig fand er ihn und seine Ansichten ziemlich überspannt und wunderlich. „Du weißt genau, dass das arme Tierchen schon von seinem Aussehen her nicht mit deinen Arabern mithalten kann,“ sagte Cosimo. „Und dann ist er auch noch allein! Könntest du ihm nicht ganz andere Kunststücke beibringen? So werden die Leute nur über ihn lachen!“ „Aber das sollen sie doch auch!“ bemerkte Umberto trocken. „Was?“ Geduldig, als würde er einem kleinen Kind etwas erklären, sagte Umberto: „Das Publikum wird mein Pferde-Ballett viel besser würdigen können, wenn es vorher ordentlich über die ulkigen Figuren von dem Esel gelacht hat!“ Fassungslos schüttelte Cosimo den Kopf: „Du willst deine Nummer verbessern, indem du ganz bewusst ein Tier lächerlich machst? Das darfst du nicht tun, das ist nicht recht!“ Umberto lachte. „Ach was, so einem Esel macht das doch nichts aus!“ Cosimo hob den Zeigefinger. „Sag’ so etwas nicht! Ein Tier hat schließlich auch Gefühle! Und die verletzt du, wenn du dich derart über es lustig machst!“ Umbertos Miene verdüsterte sich. „Im Augenblick sieht es nicht so aus, als könnte ich mit diesem Vieh überhaupt eine Nummer machen!“ grollte er. „Oder denkst du, ich nehme einen Esel mit in die Manege, der kaum ordentlich im Kreis laufen kann?“
Von diesem Gespräch ahnte der kleine Esel natürlich nicht.
Er sah nur, dass alle Tiere hier im Zirkus wunderbare Kunststücke beherrschten. Nur er konnte überhaupt nichts! Er war ein Niemand!
Kein Wunder, dass keines der Tiere mit ihm reden wollte und auch die Menschen im Zirkus ihn kaum beachteten!
Nur Cosimo bildete eine Ausnahme. Er gönnte dem Esel ab und zu ein freundliches Wort und kraulte ihn hinter den Ohren.
Sonst kümmerte sich keiner um ihn. Und sein Herr schimpfte immer nur.
Umberto war unzufrieden! Das war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert, dass er mit einem Tier nicht fertig wurde! Die Kollegen mussten sich ja über ihn totlachen! Was für eine ungeheure Blamage für ihn, den großen Linetto! Wieso in aller Welt schaffte er es nicht, diesem verflixten Esel auch nur die einfachsten Dinge beizubringen?
Er wurde immer ungeduldiger und gebrauchte die Peitsche häufiger als vorher. Aber auch das nutzte nichts. Im Gegenteil: je öfter er geschlagen wurde, desto bockiger wurde der kleine Esel!
„Meinst du nicht, dass du zu hart mit ihm umgehst?“ fragte Cosimo eines Tages. Er hatte beobachtet, wie der Dresseur sich vergebens damit plagte, dem Esel das Laufen auf den Hinterbeinen beizubringen. „Was soll denn das schon wieder heißen?“ schnappte Umberto aufgebracht. „Ich finde, du bist viel zu ungeduldig. Immer schreist und schlägst du gleich! Aber so ein Tier braucht doch liebe Worte und Ermutigung und Belohnung, genau wie ein Mensch! Ich wette, deine Tiere würden nochmal so viel lernen, wenn du es mal mit ein bisschen mehr Freundlichkeit versuchen würdest!“
Das war wieder mal so eine von Cosimos verrückten Ideen! Außerdem war Umberto überhaupt nicht in der Stimmung, sich Ratschläge anzuhören. „Papperlapapp!“ sagte er rau. „Ich habe Hunderte von Tieren auf meine Weise dressiert - und alle haben sie aufs Wort pariert!“ „Ja, weil du ihren Willen gebrochen hast, bis sie aus Angst gehorchten!“ dachte Cosimo traurig. Aber das sagte er nicht laut, denn er wollte seinen Kollegen nicht noch mehr aufbringen. „Jedenfalls,“ fuhr Umberto ärgerlich fort, „ist dieses Vieh nicht nur störrisch, sondern auch noch strohdumm, sonst hätte er diese kinderleichte Übung längst gelernt! Was ist denn so schwierig daran, auf den Hinterbeinen zu laufen? Ich sage dir, der ist keinen Schuss Pulver wert!“ „Und ich bin sicher, dass er es lernen kann, wenn man ihn nur ein bisschen anders anpackt!“ beharrte Cosimo. „Blödsinn!“ fauchte Umberto. „Was versteht denn schon ein Clown davon!“
Das ging natürlich zu weit und Umberto merkte auch gleich, dass er sich im Ton vergriffen hatte. Ein wenig ruhiger fuhr er fort: „Nein, ich habe genug davon, mich mit dieser nutzlosen, unbegabten Kanaille abzugeben! Ich müsste meine Nummer längst stehen haben! Stattdessen quälen wir uns seit Monaten mit den banalsten Grundübungen!“ „Willst du ihn loswerden?“ fragte Cosimo aufmerksam. „Und ob ich das will!“ „Was hast du mit ihm vor?“ Umberto schnaubte verächtlich durch die Nase. „Was soll man mit so einem Miststück schon anfangen? Den nimmt mir doch keiner ab - außer dem Abdecker!“ Cosimo legte ihm die Hand auf den Arm. „Tu das nicht!“ bat er ruhig. „Es wäre nicht richtig, ein junges, gesundes Tier ohne Grund töten zu lassen!“ „Was heißt denn hier ohne Grund?“ grollte Umberto. „Dieses Vieh ist doch geradezu gemeingefährlich! Oder hast du vielleicht nicht gesehen, wie er vorhin nach mir getreten hat?“ „Er hat nach dir getreten, nachdem du ihn geschlagen hast!“ bemerkte Cosimo. Umberto lachte spöttisch. „Gleich wirst du noch sagen, dass du ihm Manieren beibringen könntest!“ Der ältere Mann wiegte nachdenklich den Kopf. „Ich bin kein Dresseur wie du,“ meinte er beschwichtigend. „Aber wenn du es mich versuchen lassen würdest, denke ich schon, dass ich einiges aus ihm herausholen könnte!“ Umberto brach in schallendes Gelächter aus. „Das glaubst du doch wohl selbst nicht!“ prustete er los. Cosimo lächelte fein. „Warum lässt du es nicht darauf ankommen? Was hast du schon zu verlieren?“
Umberto hatte seine gute Laune wiedergefunden. Ihm war eine Idee gekommen, die er sehr spaßig fand. „Weißt du was?“ sagte er. „Wir machen eine Wette: wenn du dem Esel in, sagen wir, vier Wochen, das Laufen auf den Hinterbeinen beibringst, kannst du den Satansbraten meinetwegen haben! Aber wenn es dir nicht gelingt, bleibt es dabei: dann kommt er zum Abdecker!“
Er war sicher, dass der Clown es nicht schaffen würde. Wie sollte der wohl in vier Wochen etwas hinbekommen, was er, der erfahrene Dresseur in ebensovielen Monaten nicht fertiggebracht hatte? Nein, der Esel würde zum Abdecker kommen und auf die Weise war er den Ärger los und bekam wenigstens einen Teil von dem Geld wieder zurück, das er für das Tier ausgegeben hatte. Und außerdem hatte er noch den Spaß, dabei zuschauen zu können, wie sich der Clown vergebens mit dem Esel abplagte! „Also, wie ist es?“ fragte er und hielt seinem Kollegen die Hand hin. „Einverstanden!“ sagte Cosimo und schlug lächelnd ein.
In den nächsten Tagen verbrachte der Clown jede freie Minute bei dem kleinen Esel. Er besuchte ihn in seinem Stall und kraulte ihn hinter den Ohren, was das Eselchen besonders liebte. Oder er nahm ihn beim Halfter, an das Mano sich nach all den Monaten endlich gewöhnt hatte, und ging draußen mit ihm spazieren. Dabei unterhielt er sich mit ihm, als hätte er einen Menschen vor sich.
„Ich glaube einfach nicht, dass du dumm und störrisch bist,“ sagte Cosimo. „Ich glaube, du bist nur traurig. Und wenn man so traurig ist, kann man auch nicht richtig arbeiten, stimmt’s nicht?“ Das Eselchen schnaubte eifrig und stupste ihn mit der Nase an, als wolle es ihn auffordern, weiterzusprechen. Der ältere Mann lächelte und legte seinen Arm um den Hals des Tieres. Er sprach halb zu sich, halb zu dem kleinen Esel. „Wenn man einsam und unglücklich ist,“ murmelte er, „kommt es einem manchmal so vor, als würde gar nichts mehr klappen! Irgendeinen, der zuhört und für einen da ist, braucht doch jeder von uns, nicht wahr?“ Und Mano schnaubte wieder und schmiegte den Kopf an Cosimos Schulter. Er hatte jedes Wort verstanden. „Genauso ist es!“ sagte er eifrig.
Cosimo brauchte nicht lange, um herauszufinden, welche Leckereien das Eselchen besonders gern mochte. Täglich brachte er ihm eine Karotte oder einen Apfel, ein Stückchen trockenes Brot oder etwas Würfelzucker.
Mano konnte diese Veränderung kaum glauben. Endlich war da jemand, der mit ihm sprach und der ihn zu verstehen schien! Jemand, der ihn sogar noch netter behandelte, als Peter das getan hatte! Jemand, der sich anscheinend gar nichts daraus machte, dass er nur ein dummer, ungeschickter Esel war! „Wenn Cosimo doch mein Herr wäre und nicht dieser grobe, gemeine Umberto!“ dachte Mano oft. Jeden Tag wartete er ungeduldiger auf Cosimos Besuch. Er freute sich auf die Spaziergänge und die Unterhaltungen mit seinem neuen Freund mindestens ebenso sehr, wie auf die Leckerbissen, die der Clown ihm immer mitbrachte.
Eines Tages hielt Cosimo den Brotkanten hoch in die Luft, als wolle er das Eselchen necken. Mano machte einen ganz langen Hals, um die begehrte Leckerei zu ergattern. Aber er kam und kam nicht dran. Ungeduldig richtete der kleine Esel sich auf seine Hinterbeine auf. Cosimo ging rasch ein paar Schritte rückwärts. Mano reckte sich immer noch gierig nach dem Brot - und stakste auf zwei Beinen hinterher! Da blieb Cosimo stehen und gab dem kleinen Esel den Leckerbissen. Der ließ sich wieder auf alle vier Beine fallen und kaute zufrieden.
Plötzlich aber blieb ihm das Brot fast im Halse stecken. Was war das eben gewesen? Er war auf seinen Hinterbeinen gelaufen! Einfach so!
Zärtlich kraulte Cosimo ihn hinter den Ohren. „Na, siehst du, mein Kleiner!“ flüsterte er glücklich. „Ich wusste doch, dass du es kannst!“
Der Esel konnte es kaum fassen. Er war tatsächlich auf seinen Hinterbeinen gelaufen, obwohl er selbst so sicher gewesen war, so etwas nicht lernen zu können! Es war das reinste Wunder!
„Komm, versuch es doch noch mal!“ meinte Cosimo und holte ein weiteres Stück Brot aus der Tasche.
Ja, ja, er wollte es gleich noch einmal machen! Er wollte wissen, ob sich das Wunder wiederholen würde!
Wieder hielt Cosimo das Brot hoch in die Luft und ging rückwärts. Und Mano erhob sich auf seine Hinterbeine und stakste hinter ihm her, als hätte er niemals etwas anderes getan!
In diesem Augenblick kam Umberto vorbei.
Der starrte das Bild, das sich ihm da bot, mit offenem Mund an. Er wollte seinen Augen nicht trauen. „Ich glaub’ es nicht!“ murmelte er. Aber es gab nichts daran zu rütteln: das war sein tollpatschiger, bockiger Esel, der er auf zwei Beinen hinter dem Clown her stolperte! Und das nachdem sich Cosimo gerade mal zwei Wochen um ihn gekümmert hatte!
Cosimo gab Mano seine Belohnung und umarmte das Tier. „Das hast du fein gemacht, mein Guter!“ rief er begeistert. Umberto räusperte sich. Der Clown drehte sich um. „Du? Hast du es gesehen? Er ist gelaufen!“ sagte er glücklich. „Ich habe es gesehen,“ gab Umberto zu. „Wie, zum Teufel, hast du das geschafft?“ Cosimo lachte. „Ganz einfach so!“ Er zog ein drittes Stück Brot hervor und führte das Kunststück noch einmal vor. Wieder lobte er den kleinen Esel überschwänglich, als die Übung gelungen war. „Jetzt hat er begriffen, wie es geht!“ sagte der Clown strahlend.
Der Dresseur schluckte ein paar Mal. Diese Wette war ja nun ganz und gar nicht so abgelaufen, wie er sich das vorgestellt hatte! Wie peinlich, dass Cosimo recht behalten hatte!
Umberto mochte viele Fehler haben. Er war ungeduldig und launisch. Aber trotzdem hatte er ein hohes Ehrgefühl. So kam es ihm nicht einen Augenblick in den Sinn, sein Versprechen nicht zu halten. Nein, es blieb ihm nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. „Das hast du ja toll hinbekommen,“ brachte er sogar hervor. „Du hast die Wette gewonnen! Das heißt, dass der Esel von jetzt an dir gehört!“ „Sei nicht enttäuscht,“ meinte Cosimo, der sich gut vorstellen konnte, was jetzt in seinem jüngeren Kollegen vorging. „Vielleicht war es ja mehr ein Zufall! Ich weiß nicht mal, ob ich ihm noch etwas anderes beibringen kann. Aber weißt du, irgendwie habe ich dieses Eselchen einfach auf Anhieb gern gehabt, gleich als ich es zum ersten Mal gesehen habe! Wahrscheinlich werde ich ihn nie in meiner Nummer einsetzen können. Trotzdem würde ich mich wirklich gern um ihn kümmern! Jedenfalls freue ich mich schrecklich, wenn du ihn mir tatsächlich geben willst!“
Durch Cosimos bescheidene, freundliche Worte war der Dresseur schon halb wieder versöhnt. „Nun ja, ich wünsche dir jedenfalls viel Glück mit dem Untier!“ meinte er süßsauer. „Aber jetzt muss ich gehen und mir endlich Gedanken über meine neue Nummer machen!“
Als Umberto fort war, nahm Cosimo den Kopf des kleinen Esels in seine beiden Hände und sah ihm lange in die Augen. „Jetzt gehören wir beide zusammen!“ flüsterte er ihm zu. „Und weißt du was? Ich wusste, dass es so kommen würde! Ich habe es mir so gewünscht! Wir werden gute Freunde werden, nicht wahr?“
„Das sind wir doch schon längst!“ sagte Mano. Er konnte kaum glauben, dass auch sein größter Wunsch in Erfüllung gegangen war!
Cosimo legte seine Wange an die des Esels. Dann murmelte der Clown: „Mano... eigentlich passt das doch gar nicht zu dir. Das klingt so ernst und düster, finde ich! Was hältst du davon, wenn ich dir einen anderen Namen gebe?“
Der kleine Esel schnaubte zustimmend. Was von seinem neuen Freund kam, war schön und gut und er wollte es gern annehmen! Und „Mano“ - so hatte man ihn in seinem alten Leben genannt! Aber heute fing sein neues Leben an!
Cosimo schaute ihn lange und nachdenklich an. Dann erhellte sich sein Gesicht. „Jetzt hab ich es: Es war mein Wunsch, dass wir beide Freunde werden. Ich komme aus Italien und ,Wunsch’ heißt auf Italienisch ,Desio’. Cosimo ist, es gewesen, der sich das gewünscht hat.“
Wieder nahm der Clown den Kopf des Esels in beide Hände und sagte feierlich: „Von heute an heißt du Cosidesimo!“