Leseprobe aus "Julias Ferien"


1. Die verpatzte Ferienreise

Wie hatte Julia sich auf die Sommerferien gefreut!
Ganz fest hatten die Eltern ihr versprochen, dass sie mit ihr in Urlaub fahren würden! Ganz fest! Ans Meer sollte es gehen oder in die Berge! Ein richtiges Abenteuer sollte es werden!
Und was war daraus geworden? Nichts, rein gar nichts! „Ich kann mir dieses Jahr einfach nicht freinehmen,“ hatte Papa beim Abendbrot erklärt. „Dieser Personalengpass in unserer Firma…“ Julia hatte keine Ahnung, was das sein sollte: ein Personalengpass. Aber das war auch völlig unwichtig. „Du hast es versprochen!“ protestierte sie mit vorgeschobener Unterlippe. Papa zog die Schultern hoch. „Ich weiß, Mäuschen,“ meinte er unbehaglich. „Es tut mir ja auch wirklich leid! Nächstes Jahr klappt es bestimmt!“
Nächstes Jahr! „Euch glaub ich überhaupt nichts mehr! Nie mehr!“ schrie Julia, wobei ihr dicke Tränen über die Wangen rollten. „Nun komm, so schlimm ist das mit dem Urlaub doch nun auch wieder nicht!“ schaltete sich Mama sanft ein. „Wir können es uns doch auch hier in unserem Garten schön machen! Da erholen wir uns mindestens ebenso gut! Und am Wochenende, wenn Papa frei hat, gehen wir mal ins Schwimmbad oder in den Zoo!“ Sie wollte Julia über den Kopf streicheln, aber die sprang wütend auf und stürmte aus der Küche.
So eine Gemeinheit!
Als wenn dieser dumme, langweilige Garten, das dumme, langweilige Schwimmbad oder der dumme, langweilige Zoo die Reise ans Meer oder in die Berge ersetzen könnte!
Julia war stinksauer!

Und ihre schlechte Laune verstärkte sich noch, als die Ferien schließlich angefangen hatten.
All ihre Freundinnen waren weggefahren!
Papa arbeitete den ganzen Tag und kam erst abends zurück und war dann meistens zu müde, um noch großartige Sachen zu unternehmen.
Mama hatte den Haushalt zu erledigen und werkelte obendrein auch noch fast den ganzen Tag in ihrem geliebten Garten herum!
Von Schwimmbad oder Zoo oder all den anderen Ausflügen, die die Eltern ihr in Aussicht gestellt hatten, war auch schon längst keine Rede mehr! Sie hatte es ja gleich gewusst!
Tolle Ferien waren das!

„Hilfst du mir beim Erdbeerpflücken? Du könntest auch auf deinem kleinen Beet mal wieder Unkraut rupfen! Warum liest du nicht ein hübsches Buch? Oder spiel doch ein bisschen mit deinen Puppen!“ schlug die Mama ihr immer wieder geduldig vor, wenn sie Julia mit missmutigem Gesicht am Küchentisch oder auf der Fensterbank in ihrem Zimmer herumsitzen sah. Aber diese schüttelte zu allem den Kopf.
Im Garten arbeiten? Sonst noch was?
Lesen?
Mit Puppen spielen?
Sollte ihr das alles am Ende auch noch Spaß machen?
Und sobald sie sich vor den Fernseher hockte, kam garantiert kurz darauf Mama herein und sagte: „Warum sitzt du denn schon wieder hier drinnen? Bei dem schönen Wetter? Geh doch lieber nach draußen!“
Also durfte sie nicht mal fernsehen, solange sie wollte! Nicht dass sie sich für die Sendungen, die kamen, besonders interessiert hätte – aber trotzdem…

Julia verkroch sich in ihrem Zimmer – nicht, um zu spielen, sondern um mit bitterböser Miene aus dem Fenster zu starren. Wenn Mama nach ihr rief, gab sie keine Antwort. Die Eltern sollten ruhig sehen, wie verletzt und tieftraurig sie über diese verpatzten Ferien war!
So ging es nun schon fast eine Woche lang.
Dann kam eines Tages Papa nach dem Abendbrot in Julias Zimmer. „Na, mein Mäuschen?“ meinte er munter. „Meinst du nicht, dass du allmählich lange genug Trübsal geblasen hast? Es ist doch schade, wenn du dir deine Ferienwochen so verdirbst!“
Julia schnaubte. Der einzige, der ihr die Ferienwochen verdorben hatte, war Papa! Aber das sagte sie nicht.
„Mir ist so langweilig!“ nörgelte sie stattdessen. „Ich weiß überhaupt nicht, was ich machen soll!“
„Warum gehst du dann nicht ein bisschen hinaus?“ schlug nun auch Papa vor.
Julia verdrehte die Augen.
„Da ist es doch genauso langweilig wie hier drinnen!“ beklagte sie sich.
„Was?“ rief Papa erstaunt. „Langweilig? Ja, weißt du denn gar nicht, dass unser Garten verzaubert ist?“
Jetzt musste Julia lachen.
„Glaube ich dir nicht! Du willst mich ja nur verulken! Verzaubert - so ein Quatsch!“
Papa schüttelte den Kopf und machte ein ganz ernstes Gesicht.
„Unser Garten steckt voller Wunder und Geschichten! Man muss sich nur ein bisschen danach umschauen!“
Gegen ihren Willen wurde Julia doch ein wenig neugierig. Trotzdem sagte sie noch einmal:
„Glaube ich nicht! Wo sollen denn da Geschichten sein?“
„Wollen wir danach suchen gehen?“ fragte Papa.
Endlich rutschte Julia von der Fensterbank herunter.
„Na gut, meinetwegen,“ stimmte sie gnädig zu.

Sie gingen in den Garten hinaus und schlenderten den Weg entlang.
„Na, und wo sind nun deine Geschichten?“ meinte Julia spöttisch, als sie einmal bis zum Zaun und wieder zurück gegangen waren.
Aber Papa legte lächelnd den Finger auf die Lippen.
„Wir müssen uns erst ein bisschen umgucken,“ sagte er. „Sieh’ nur selbst! Was glaubst du, wer könnte wohl in der Geschichte vorkommen?“ Nicht gerade überzeugt schaute sie bald auf diese, bald auf jene Seite vom Gartenweg, auf die Blumenbeete, auf den Teich und auf die Obstbäume.
Auf der Terrasse vor der Hecke saßen drei kleine Igel aus Plastik. Mama hatte sie vor einigen Wochen gekauft und dort hingesetzt, weil sie fand, dass sie so drollig aussahen.
Gönnerhaft deutete Julia auf die Tierchen.
„Die da!“ schlug sie vor. „Die können mitspielen!“
„Sehr gut!“ Papa nickte zustimmend mit dem Kopf. Er nahm die Igel, trug sie auf die Wiese und setzte sie vor ein Blumenbeet. Er hockte sich selbst davor und klopfte einladend neben sich auf den Rasen. Julia ließ sich neben ihn fallen.

Und dann begann Papa zu erzählen:



2. Die drei kleinen Igel

Vor nicht allzulanger Zeit, an einem nicht allzufernen Ort, lebten auf einer großen Waldwiese drei kleine Igel. Sie hießen Schnüffel, Puck und Balduin. Die wohnten da also friedlich und fröhlich auf ihrer Wiese und führten ein lustiges Leben. Den ganzen Tag - oder besser gesagt, die ganze Nacht - tobten und spielten sie. Und immer waren sie guter Dinge.

Doch eines Tages geschah etwas sehr Schlimmes!
Die drei kleinen Igel waren gerade aus ihrem Häuschen gekrochen. Zuerst aßen sie gemütlich zu Abend.
Und dann fingen sie an zu spielen. „Balduin, Puck! Fangt mich doch, fangt mich doch!“ rief Schnüffel und lief lachend über die Wiese. „Na warte, dich kriegen wir!“ brummte Balduin. Schon rannten die beiden hinter ihm her - rechts und links, über Stock und Stein und kreuz und quer. Aber Schnüffel war flink und versteckte sich hinter einem Stein.
Doch als er gerade weiterlaufen wollte, um sich ein neues Versteck zu suchen, hörte er ein fremdes, sehr merkwürdiges Geräusch.
Erschrocken blieb er stehen. „Ha, jetzt haben wir dich!“ schrien Puck und Balduin und sprangen auf ihn zu.
Aber Schnüffel schüttelte abwehrend den Kopf. „Seid doch mal still!“ sagte er. „Hört ihr das auch?“ Die drei Igel lauschten. „Was ist das denn?“ fragte Puck ängstlich. „Das klingt ja ganz komisch!“ stellte Balduin fest.
Und das war in der Tat so! Es klang, als würden große Steine gegeneinander geschlagen. Dann mischte sich in das Geräusch auch noch ein schreckliches Kreischen und ein furchtbar lautes Knattern. Immer näher kam der Lärm und wurde immer lauter. „Was ist das nur?“ wiederholte Puck. „Schaut doch nur mal!“ rief Schnüffel aufgeregt. „Da kommt ja was!“

„Was kam denn?“ unterbrach Julia ihren Vater neugierig. Dieser sprang auf.
„Warte mal!“ rief er. „Ich bin gleich wieder da!“ Er rannte zum Haus. Kurz darauf kam er mit mehreren Mülltüten, einer Rolle Tesaband, einer Schachtel Filzstifte und zwei Blättern zurück.
„Was soll das denn?“ fragte Julia geringschätzig.
„Wart’s ab!“ schmunzelte Papa. Er lief zur Hecke und wühlte aus dem Holzstapel, der daneben lag, zwei große Aststücke hervor. Dann fing er an, eifrig zu malen. Julia schaute ihm über die Schulter. Zwei schiefe, giftgrüne Augen entstanden da, ein großes, rotes Maul mit riesigen Zähnen...
„Was soll das denn?“ fragte sie noch einmal.
„Ach, Schätzchen, lauf doch bitte mal eben ins Haus und hol deine und meine Handschuhe! Die schwarzen! Sie müssen im Garderobenschrank liegen!“ sagte der Vater, der ganz in seine Malerei vertieft war. Julia verstand die Welt nicht mehr. Was wollte Papa denn nun mit Handschuhen? Mitten im Sommer? Aber sie trabte doch los.
„Hier!“ rief sie, als sie, ein wenig atemlos, kurz darauf zurückkam. „Was hast du denn nun damit vor?“ Papa dachte gar nicht daran, ihr zu antworten. Stattdessen meinte er nur: „Jetzt mach mal einen Moment die Augen zu! Aber nicht blinzeln, ja?“ Julia begann das Spiel Spaß zu machen. Sie kniff die Augen zusammen und hörte, wie Papa mit den Mülltüten raschelte und knisterte. „Darf ich wieder gucken?“ fragte sie ungeduldig. Papa nahm sie bei den Schultern und drehte sie zur Hecke um. „Huh!“ machte Julia unwillkürlich. „Huh!“

Papa zog sie wieder neben sich ins Gras und erzählte weiter:

Schnüffel zeigte mit der Vorderpfote auf den Waldrand.
Ja, da kam etwas!
Es waren zwei riesengroße, hässliche Ungeheuer. Ganz schwarz waren sie und hatten furchtbar lange Zähne und unheimlich große Mäuler. Mit entsetzten Augen starrten die drei kleinen Igel die Geschöpfe an. Und ihr Schrecken wuchs noch, als sie sehen mussten, was die Ungeheuer taten. „Was machen die denn da?“ stieß Schnüffel hervor. „Sie reißen das ganze Gras raus und spucken es wieder aus!“ jammerte Puck. „Und sie beißen alle Bäume durch!“ rief Balduin. Verzweifelt mussten die drei Freunde zusehen, wie die beiden hässlichen Ungeheuer den Wald und ihre Wiese zerstörten.
„Da schaut mal! Da laufen die Hasen weg!“ schrie Schnüffel. „Und da die Eichhörnchenfamilie!“ fiel Puck ihm ins Wort. Balduin deutete in die entgegengesetzte Richtung. „Und da die Füchse!“
Ja, alle Tiere des Waldes flohen vor den schrecklichen Geschöpfen. Nur unsere drei kleinen Freunde standen noch wie erstarrt auf ihrem Platz. Und die Ungeheuer kamen immer näher. Dann endlich rief Balduin: „Los, kommt schnell! Wir müssen auch weglaufen und uns verstecken!“ Hals über Kopf rannten die drei Igel davon.
Erst in einiger Entfernung wagten sie es, stehenzubleiben und sich umzusehen. Was sie da erblicken mussten, war wirklich fürchterlich! Die großen, grauen Ungeheuer hatten tatsächlich alle Bäume und Büsche zerrissen und zerbissen und alles Gras zertrampelt und herausgerupft. Die Tiere, die nicht rechtzeitig hatten fliehen können, wurden niedergewalzt und zerquetscht. Dann bedeckten sie das Land mit hässlichen, grauen Steinen.

Kein Halm, kein Kräutchen, kein Blatt war übriggeblieben.
Kein Tier ließ sich mehr sehen, kein Vogel sang mehr.
Aus der schönen, blühenden Wiese war eine steinerne, staubige Wüste geworden! Lange, lange starrten die drei kleinen Igel auf das Bild der Zerstörung. Sie konnten gar nicht glauben, dass dieser Steinhaufen noch bis vor wenigen Stunden ihre Heimat gewesen war!
„Sie haben alles kaputtgemacht!“ sagte Balduin schließlich. „Was mag nur aus unseren Freunden geworden sein?“ fügte Puck leise hinzu. „Meint ihr… meint ihr, dass sie alle tot sind?“ Die anderen antworteten nicht. „Was sollen wir denn jetzt nur machen?“ fragte Schnüffel nach einer Weile bedrückt. „Hier können wir doch nicht bleiben!“ Wieder schwiegen sie und sahen sich ratlos an.
Puck fasste sich als erster wieder. „Wir müssen in die Welt ziehen!“ meinte er bestimmt. Balduin schüttelte zweifelnd den Kopf. „Wohin denn? Am Ende kommen die bösen Ungeheuer uns nach! Für uns gibt es gar keinen Platz mehr!“ Aber Schnüffel kam Puck zu Hilfe. „Irgendwo werden wir schon ein Plätzchen finden, wo wir bleiben können!“ rief er eifrig. „Wir dürfen nur nicht den Mut verlieren!“ fügte Puck hinzu. Balduin war noch nicht überzeugt. „Meint ihr wirklich?“ fragte er gedehnt. „Ganz bestimmt!“ bekräftigten seine Freunde. „Wenn wir nur zusammenhalten!“ meinte Puck. Zusammenhalten?
Ja, zusammenhalten - das wollten sie nun! Und so zogen sie miteinander los.

„Die sind aber gemein gewesen, diese Dinger!“ sagte Julia empört und warf den beiden verkleideten Baumstämmen einen bösen Blick zu. „Dass die einfach so alles kaputtgemacht haben!“
Papa nickte. „Schön ist das wirklich nicht,“ gab er zu. „Aber leider passiert das auch in unserem Leben immer wieder, dass solche Wesen auftauchen und schöne Wälder und blühende Wiesen einfach mit grauen Steinen bedecken!“ Plötzlich war er ganz ernst. „Sie sehen dann nur ein bisschen anders aus!“
„Du meinst Bagger und so was!“ sagte Julia sofort. Sie hatte erst vor einem Jahr miterlebt, wie eine kleine Wiese am Ende der Straße, auf der sie manchmal mit ihren Freundinnen Ball gespielt oder Drachen hatte steigen lassen, aufgerissen, eingeebnet und in einen Parkplatz verwandelt wurde! Papa nickte traurig.
„Aber wie geht es denn nun mit den Igeln weiter?“ fragte Julia ungeduldig. „Wo sollen die denn jetzt hin?“
„Na, wir wollen mal schauen,“ sagte Papa und stand auf.
Sie wollten wieder durch den Garten marschieren. Aber in diesem Moment rief Mama vom Haus:
„Julia! Komm herein! Du musst jetzt ins Bett!“
„Ooooch!“ machte Julia. „Gerade jetzt! Kann ich nicht später...“ Aber Papa sagte: „Nein, nein! Die drei kleinen Igel müssen sich ohnehin erst einmal ein bisschen ausruhen, nach so viel Aufregung! Wir werden morgen erfahren, ob sie wohl eine neue Bleibe finden!“
Und er fügte augenzwinkernd hinzu: „Vielleicht kann dir der Garten ja sogar schon selbst etwas davon verraten?“