Unheilverkündend türmten sich Wolken am nächtlichen Himmel über Syrlin, der Hauptstadt Merviliens auf. Ein stürmischer Wind blies und fernes Donnergrollen
zeigte an, daß ein heftiges Gewitter bevorstand. Schon zuckten die ersten grellen Blitze auf, in denen die vier spitzen, gedrehten Türme des hoch über der Stadt
schwebenden Wolkenschlosses drohend erhobenen Speeren glichen.
Urplötzlich erfüllte ein leiser und doch durchdringender Ton die Luft, der mit den Geräuschen des Unwetters nichts zu tun hatte. Im Boden des Palastes erschien
eine kreisrunde Öffnung und ein dünnes goldenes Seil ließ sich leise pendelnd bis zum Boden hinunter. Gleichzeitig tauchte in der Luke ein dicklicher blonder
Junge von etwa vierzehn Jahren auf, der die weißseidene Robe und die Haartracht eines Novizen des Rosoboziom-Ordens trug. Für den Bruchteil einer Sekunde
zögerte er, als er sah, wie tief es da hinab ging. Dann aber klammerte er sich krampfhaft mit beiden Händen an dem Tau fest.
Pirino wurde es angst und bange. Das Seil schaukelte bedrohlich. Mit den glatten Sohlen seiner Sandalen fand er keinen richtigen Halt. Er rutschte mehr hinunter,
als daß er kletterte. Bereits nach wenigen Metern taten ihm die Hände und die Arme von der ungewohnten Anstrengung so weh, daß er kaum noch wußte, wie er
sich festhalten sollte. „Weiter...“ japste er trotzdem. „Weiter, schnell...“ Schließlich ließ er die Leine einfach los, obwohl der feste Grund noch ein gutes Stück
entfernt war, wobei er sich nicht einmal klar machte, daß er sich bei einem Sprung aus dieser Höhe sämtliche Knochen hätte brechen können.
Ziemlich unsanft landete er rücklings im nassen Sand. Er konnte einen Aufschrei nicht unterdrücken, der aber glücklicherweise von einem dröhnenden Donnerschlag
übertönt wurde. Nach Luft ringend drehte er sich um und stemmte sich auf Hände und Knie hoch. So rasch er konnte, kroch er zu der hohen Mauer, die das
weitläufige Schloßgelände ringsherum umgab. Dort angekommen drückte er sich flach gegen die Steine und starrte ängstlich zu dem Palast hinauf. Wie lange würden
sie brauchen, bis sie merkten, daß er nicht im Novizenflügel war? Waren sie ihm womöglich schon auf der Spur? Verblüfft riß er die Augen auf. Ehe er richtig begriff,
was vorging, flackerte das goldene Seil, das in der Dunkelheit leuchtete, noch einmal besonders hell – dann verschwand es so spurlos, als wenn es niemals
dagewesen wäre!
Fahrig strich der Junge die zu unzähligen dünnen Zöpfen verflochtenen Haare zurück, die ihm wie nasse Schnüre wirr ins Gesicht hingen. Noch bevor er einen klaren
Gedanken fassen konnte, drangen aus einem der beiden hellerleuchteten Wachttürme auf der gegenüberliegenden Seite des großen, menschenleeren Platzes rauhes
Lachen und Grölen zu ihm herüber. Er fuhr zusammen. Himmel, die Palastwachen! Wie hatte er die nur vergessen können? Vermutlich hatten sie sich in ihre
Quartiere zurückgezogen, um sich vor dem Unwetter zu schützen. Aber jeden Moment konnten einige von ihnen herauskommen, um ihren Rundgang zu machen,
wie es ihre Pflicht war! Pirino lief ein eiskalter Schauer über den Rücken und das lag beileibe nicht nur an dem Wind, der immer schärfer blies. Er durfte gar nicht
daran denken, was geschehen würde, wenn sie ihn fanden! Wie sollte er erklären, daß er hier unten war? Keiner würde ihm glauben, daß er selbst nicht wußte,
wieso sich der Boden so plötzlich zu seinen Füßen geöffnet hatte!
Sein Magen zog sich vor Angst zusammen. Das Wolkenschloß ohne die ausdrückliche Erlaubnis oder den Befehl von Oberpriester Valbredo zu verlassen, war
eines der schlimmsten Vergehen, das ein Angehöriger des Ordens sich leisten konnte! Nur die ranghöchsten Priester durften bei ganz besonderen Gelegenheiten
den einzigen Zugang zum Palast, die magische Pforte öffnen und die endlos lange goldene Wendeltreppe heraufbeschwören, die steil auf den Schloßplatz
hinunterführte. Allen anderen war es streng verboten, auch nur in die Nähe der großen Eingangshalle zu kommen, wo diese geheimnisvolle Tür verborgen war.
Der Junge biß sich auf die Lippen. Inzwischen goß es in Strömen. Längst war er bis auf die Haut durchnäßt, doch das war jetzt seine geringste Sorge. Was um alles
in der Welt sollte er tun? Allein schon dafür, daß er verbotenerweise aus dem Schlafraum der Novizen geschlichen war und sich im Schloß herumgetrieben hatte,
würde Matro Bileo, der Novizenmeister, ihn windelweich schlagen lassen, soviel war sicher! Aber nach allem, was er heute sonst noch angestellt hatte, konnte er
wohl kaum darauf hoffen, mit einer Tracht Prügel davonzukommen! Ganz bestimmt standen ihm auch wieder wochenlanger Arrest bei Wasser und Brot bevor...
endlose Demütigungen und Schikanen... womöglich noch Schlimmeres?
Ihm wurde ganz schlecht bei der Vorstellung. Die Schmerzen, die Schande, der Hohn und Spott, mit dem die Priester und vor allem die anderen Novizen ihn
drangsalieren würden... Aber würde es dabei bleiben? Noch immer klang ihm der dumpfe Schwur in den Ohren, den er mitangehört hatte: „Tod und ewige
Verdammnis sollen jeden Verräter der edlen Sache treffen!“ Er begann zu zittern. „Ich kann nicht mehr ins Schloß!“ flüsterte er heiser. „Auf gar keinen Fall! Ich...
ich laufe einfach davon!“
Der Gedanke durchfuhr ihn so plötzlich, daß es ihm beinahe den Atem nahm. Daß er nicht sofort daran gedacht hatte! „Ich gehe nach Hause, jetzt gleich!“ murmelte
er bekräftigend. Flüchtig dachte er daran, wie sein Vater ihn wohl empfangen würde. Immerhin hatte der ihn selbst hierher gebracht, und sich, soweit er wußte, in
all den Jahren nicht einmal nach ihm erkundigt! Ob er wohl sehr böse werden würde? Womöglich schaffte er ihn sofort in den Palast zurück... „Ach was!“ brummte
er eigensinnig. „Wenn ich ihm erzähle, wie sie mich die ganze Zeit über behandelt haben, muß er einfach verstehen, daß ich das nicht länger aushalten
konnte!“ Jetzt mußte er sich erst einmal um das Nächstliegende kümmern, nämlich darum, wie er hier herauskam und vermutlich würde das nicht gerade leicht
werden!
Dort drüben, vielleicht acht, vielleicht auch zehn Steinwürfe entfernt, lag das große Tor! Einen anderen Weg hinaus gab es nicht. Aber eingerahmt wurde es von den
beiden Türmen, in denen gerade eben wieder besonders laut gejohlt und gelärmt wurde!
Ohne nachzudenken drehte Pirino sich um und tastete fieberhaft über das Mauerwerk. Als er einen schmalen Vorsprung wahrnahm, krallte er aufgeregt seine Hände
darum und versuchte mit aller Kraft, sich hochzuziehen. Unglücklicherweise war er alles andere als ein geübter Kletterer! Ungeschickt strampelte er mit den Beinen,
um weiter nach oben zu kommen. Wenn an dieser gräßlichen Wand doch wenigstens Efeu wachsen würde, an dem er sich hätte festhalten können! Die wenigen
Risse und Spalten reichten nicht im Geringsten aus, um seinen Fingern und Zehen genügend Unterstützung zu geben. Zu allem Überfluß waren die Steine so glitschig,
daß er beinahe sofort abrutschte. Nur mit Mühe konnte er einen weiteren Schreckensschrei unterdrücken, als er zum zweiten Mal in dieser Nacht hart in den Sand
fiel. „Au!“ wimmerte er und saugte an den brennenden Schürfwunden in seinen Handflächen.
Mit zusammengebissenen Zähnen rappelte er sich auf. „Ich muß hier weg!“ stieß er fast zornig hervor. „Jetzt erst recht! Und wenn es nicht über die Mauer
geht, dann muß ich eben doch durch das Tor!“ Diese Worte klangen wesentlich tollkühner, als ihm tatsächlich zumute war. Aber aufgeben wollte er um keinen
Preis!
Behutsam schob er sich an der Mauer entlang. Das Herz schlug ihm bis zum Halse. Es war unwahrscheinlich, daß die Wachen ihn bei dem heulenden Wind, dem
grollenden Donner und dem Lärm, den sie selbst veranstalteten, hörten. Trotzdem fuhr er jedesmal entsetzt zusammen und blieb wie angewurzelt stehen, wenn es
unter seinen Sandalen vernehmlich knirschte oder knackte. „Los, weiter!“ redete er sich zu, sobald er sicher war, daß tatsächlich niemand auf die leisen, scharrenden
Geräusche achtete. Als er endlich den Turm erreichte, war er trotz Regen und Kälte schweißgebadet. Überflüssigerweise fuhr er sich mit dem Ärmel seiner
triefnassen Robe über das Gesicht.
Drinnen wurde gerade ein derbes Lied angestimmt. „Jetzt oder nie!“ murmelte der Junge entschlossen. Er nahm seinen gesamten Mut zusammen, duckte sich unter
dem Fenster vorbei und stürzte auf das rettende Tor zu. So schnell er konnte, schob er den schweren Riegel zurück und versuchte, die mächtige Pforte
aufzudrücken. Doch der Flügel gab nicht nach!
Pirino fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. „Nein!“ stammelte er verzweifelt. Wieder und wieder warf er sich gegen das Holz. Vergebens! Das Tor war und
blieb verschlossen – und von dem Schlüssel fehlte jede Spur.
In diesem Augenblick wurde die Tür des Wachtturmes zu seiner Linken aufgestoßen. „Nun mach schon! Hast das Spiel verloren – also bist du dran, nach dem
Rechten zu schau’n!“ ertönte von drinnen die grobe, schadenfrohe Stimme eines Soldaten. In das hämische Gelächter der anderen Männer hinein ließ sich eine
zweite mißmutige Stimme vernehmen: „Geh ja schon! Aber 'ne verdammte Gemeinheit ist’s – grad jetzt, wo’s so schüttet...“ Wie von Sinnen umklammerte der
Junge den Türknauf und rüttelte mit aller Kraft daran. „Jetzt ist es aus mit mir!“ stöhnte er. „Oh, öffne dich doch, bei allen guten Mächten, öffne dich!“
Ein kaum hörbares Schnappen erklang. Pirino erschrak fast zu Tode, als gleich darauf der mächtige Flügel unvermutet nachgab und geräuschlos aufglitt! Was ging
hier in dieser Nacht nur vor? Zuerst die geheimnisvolle Pforte im Schloß, nun auch noch das Tor... Aber er hielt sich nicht damit auf, sich zu wundern. Er hatte keine
Sekunde zu verlieren! Hastig quetschte er sich durch den schmalen Spalt, der sich vor ihm aufgetan hatte, und stürmte Hals über Kopf den schmalen, gewundenen
Pfad hinunter, der in die Stadt führte. Immer wieder drehte er sich im Laufen angstvoll um, wobei er auf dem schlüpfrigen Weg gefährlich ins Rutschen geriet. Jeden
Moment erwartete er, wütende Stimmen hinter sich zu hören, eine harte Hand auf seiner Schulter zu spüren, die ihn herumriß... Mehrere Male hielt er im zuckenden
Licht der Blitze Sträucher oder seltsam geformte Steine für unheimliche Gestalten, die ihm von allen Seiten auflauerten.
Obwohl er sein Bestes tat, um sich zu beeilen, wurde er allmählich immer langsamer. In seinen Seiten begann es unerträglich zu stechen und seine Beine spürte er
kaum noch. Er war nicht daran gewöhnt, so lange und so schnell zu laufen. Schließlich blieb er keuchend stehen und preßte die Hände gegen die Rippen. Wieder
sah er unruhig zurück. Auf dem Pfad hinter ihm war keine Menschenseele zu entdecken und abgesehen von seinem eigenen lauten Atem bleib alles still. „Ich... ich
glaube... ich habe es wirklich geschafft!“ stieß er beinahe ungläubig hervor. Mit einem Schlag fiel seine Anspannung von ihm ab. Vor Erleichterung fing er an zu
lachen. Übermütig drehte er in Richtung des Palastes eine lange Nase. „Ich habe sie alle überlistet, sogar den Oberpriester!“ sang er vor sich hin. Fast tat es ihm
leid, daß er sich nicht mit dieser Heldentat vor den anderen Novizen brüsten konnte! Aber nein, der Orden und die verhaßten Priester brauchten ihn jetzt nicht
mehr zu kümmern! Er grinste breit. Während er langsam weiterging, malte er sich mit großem Vergnügen aus, wie seine früheren Freunde und Spielkameraden ihn
für sein Abenteuer bewundern und selbstverständlich sofort wieder zu ihrem Anführer ernennen würden! Die Vorstellung machte ihm so viel Spaß, daß es ihn sogar
ein wenig davon ablenkte, wie naß und kalt er war und wie entsetzlich müde er sich inzwischen fühlte. „Ich habe es ihnen gezeigt!“ murmelte er noch einmal
zufrieden und versuchte, nicht an den endlosen Fußmarsch zu denken, der noch vor ihm lag, bevor er endlich zu Hause war. „Ich war schlauer, als sie alle zusammen, ich war...“
Weiter kam er nicht. Die Worte blieben ihm buchstäblich im Halse stecken. Zuerst leise, dann immer lauter drangen Hornstöße durch die Nacht!
Entsetzt wirbelte der Junge herum. Sein Gesicht wurde aschfahl.
Das kam vom Wolkenschloß! Es wurde Alarm gegeben! Sie hatten seine Flucht entdeckt!
Außer sich vor Schrecken stürmte er wieder los. Der Triumph über seine Flucht und all die anderen kindischen Gedanken waren ihm gründlich vergangen!
Schlagartig begriff er, daß er noch längst nicht in Sicherheit war. Wie hatte er nur glauben können, daß Oberpriester Valbredo ihn so einfach ziehen lassen würde?
Schon meinte er das Geräusch von genagelten Stiefeln hinter sich zu hören! Wieviel Zeit mochte ihm bleiben, bis die Palastwachen ihn einholten?
Verzweifelt versuchte er, noch schneller zu rennen. Die Straße wurde allmählich breiter, aber leider keineswegs besser. Das Pflaster war holperig, außerdem
behinderten ihn tiefe Pfützen und schlammige Löcher, die er in der Dunkelheit erst bemerkte, wenn er hineinpatschte. Die Riemen seiner Sandalen lösten sich.
Einer der Schuhe blieb im Matsch stecken. Er strauchelte und stürzte, schlug sich dabei die Knie und Ellbogen blutig. Stöhnend rappelte er sich wieder auf.
Er nahm sich nicht einmal die Zeit, nach den verlorenen Sandalen zu suchen. Sein rechter Knöchel tat so scheußlich weh, daß er kaum auftreten konnte.
„Oh nein,“ jammerte er. Verbissen humpelte er weiter, so schnell er konnte.
Da! Endlich tauchten die ersten Häuser von Syrlin vor ihm auf! Doch Pirino empfand keine Erleichterung. Jetzt hörte er ganz deutlich, wie auf dem Pfad,
den er hinunter gejagt war, laut gerufen wurde. Noch waren die Stimmen weit entfernt, kamen aber rasch näher. Gehetzt sah er sich um. Er konnte einfach
nicht mehr, selbst wenn es um sein Leben ging! Seine Glieder schienen mit Blei gefüllt zu sein, nur noch ein paar Schritte und er würde zusammenbrechen!
Bis zur Villa seines Vaters, die beinahe am anderen Ende der Stadt lag, würde er es niemals schaffen, vor allem nicht mit dem verstauchten Fuß, der bei jeder
Bewegung mehr schmerzte. In seiner Angst taumelte er auf das nächste Haus zu und stolperte die kurze Holztreppe hinauf, die zum Eingang führte. Panisch
hämmerte er mit beiden Fäusten gegen die Tür. „Laßt mich ein!“ schrie er. „Bei allen guten Mächten, laßt mich ein!“ Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor,
bis endlich von drinnen schlurfende Schritte ertönten und eine verschlafene Stimme blaffte: „Was ist denn los? Was soll der Lärm, mitten in der Nacht!“
„Oh, bitte, macht mir auf!“ flehte der Junge. „Ihr müßt mir helfen!“ „Das verfluchte Bettelpack wird auch immer frecher!“ keifte nun eine Frau im Inneren des
Hauses. „Wir haben nichts zu verschenken! Scher dich weg, du, oder müssen wir dir nachhelfen?“ Pirino geriet völlig außer sich. „Ich bin der Sohn des Romerto!“
brüllte er und hämmerte erneut gegen die Tür. „Im Namen meines Vaters – macht mir auf!“ Einige Atemzüge lang blieb es drinnen still, dann ließ sich wieder der
Mann vernehmen: „Romerto? Kenn ich nicht! Wer soll das sein? Mach, daß du wegkommst, oder ich hetze meine Hunde auf dich!“ Bestürzt gab der Junge auf.
Er war vollkommen verwirrt. Wieso behaupteten diese Leute, seinen Vater nicht zu kennen? Das konnte nicht sein! Jeder in Syrlin wußte doch, wer
Stadtrichter Romerto war!
Noch bevor er sich entschließen konnte, im nächsten Haus um Hilfe zu bitten, erstarrte er mitten in der Bewegung. In die fernen Hornstöße und das immer näher
kommende Geschrei der Soldaten mischte sich noch ein anderer Klang, ein schrilles, durchdringendes Kreischen, das hoch oben aus der Luft kam. Ihm gefror das
Blut in den Adern. Diese Töne kannte er nur zu gut! „Trötflieger!“ stammelte er erbleichend.
Von seinem ersten Tag im Palast an hatte er sich vor diesen unheimlichen geflügelten Geschöpfen gefürchtet und er wußte, daß er da nicht der einzige war! Der
Kopf und der Körper der Kreaturen sahen aus, wie die eines Geiers mit schmutziggrauem Gefieder und ungewöhnlich langem Schnabel, aber Arme und Beine
waren die eines Menschen. Obwohl sie nicht viel größer waren, als ein gewöhnlicher Rabe, lag in ihren Händen eine ungeheure Kraft. Wie bedrohliche düstere
Schatten schwebten sie Tag und Nacht durch die Gänge des Wolkenschlosses. Ihren stechenden, grauen Augen schien nichts zu entgehen und wenn sie etwas
entdeckten, das gegen die Regeln des Ordens verstieß, wußte es gleich darauf auch Oberpriester Valbredo. Dieser war der einzige, dem die abscheulichen
Flügeltiere zu gehorchen schienen.
In Todesangst stürzte Pirino unter die Treppe des Hauses. Hinter einem der einfachen Pfeiler, die das Gebäude trugen, sackte er in sich zusammen. Zitternd drückte
er sich in die aufgeweichte Erde.
Daß der Oberpriester ihm sogar seine fliegenden Spione auf den Hals hetzte, erschreckte ihn mehr als alles andere und machte ihm klar, daß seine Lage noch viel
schlimmer war, als er zuerst angenommen hatte! Kein Zweifel, die Priester würden nicht ruhen, bis er wieder eingefangen war! „.Tod und ewige Verdammnis
jedem Verräter der edlen Sache...’“ flüsterte er erstickt. Himmel, wenn er doch nur nicht durch diese verborgene Tür im Ostflügel geschlüpft wäre! Er hatte
sich wirklich nicht viel dabei gedacht! Verstecken wollte er sich, weil er fürchtete, von den Wachen der Priester entdeckt zu werden! Aber trotzdem war es für ihn
nichts anderes als ein Spiel gewesen, ein Streich wie seine früheren nächtlichen Streifzüge auch! Wie hätte er ahnen sollen, daß er ausgerechnet in eine offenbar
geheime Zusammenkunft von Valbredo und seinen Verbündeten platzen würde? Dabei hatte er noch nicht einmal begriffen, was da wirklich vor sich gegangen war!
Starr vor Entsetzten lauschte der Junge auf das angsteinflößende Flügelrauschen und Schreien. Die Geschöpfe schienen direkt über seinem Versteck zu kreisen. Ihm
wurde es heiß und kalt. Sein Atem ging stoßweise und er glaubte, daß sein lauter Herzschlag in der ganze Stadt zu hören sein mußte. Alle Gerüchte, die im Palast
über Valbredos unheimliche Boten umgingen, fielen ihm jetzt wieder ein: „Sie können durch Mauern und Holz einfach hindurchsehen, als wenn’s Glas wäre!“
„Sie wittern Leute, die sich vor ihnen verbergen wollen!“ „Sie können Gedanken lesen!“ Früher hatte er insgeheim darüber gelacht. Jetzt aber war ihm die Kehle wie
zugeschnürt. Wenn das alles nun doch stimmte? Zumindest wußte er nur zu gut, daß er bei ihnen mit keinerlei Mitleid rechnen durfte!
Sobald er glaubte, daß die schrillen Laute sich ein wenig entfernten, spähte er zittrig unter der Treppe hervor. Er nahm seinen gesamten Mut zusammen und stolperte
aus seinem Schlupfwinkel, nur um gleich unter dem nächsten Haus wieder hinter einem Pfeiler in Deckung zu gehen. Auf allen Vieren kroch er zur anderen Seite
hinüber. Wieder zögerte er kurz, bevor er hastig unter die nächste Behausung krabbelte. Wenn er doch nur das Viertel erreichen könnte, wo er aufgewachsen war
und wo er glaubte, noch jeden Stein zu kennen! Die vornehmen Villen der reichsten Bürger waren auf überaus kunstvoll verzierten Säulen erbaut, und zwar so hoch
wie möglich über dem Erdboden, weil die Bauwerke allesamt an das Wolkenschloß erinnern sollten. In den weitläufigen, kunstvoll angelegten Gärten, die sich unter
den Gebäuden ausbreiteten, gab es jede Menge Pavillons, Statuen und Lauben, in denen man sich wunderbar verstecken konnte. Die Häuser in dem Teil der Stadt,
wo er sich jetzt befand, waren schlichter und standen viel dichter beieinander. Sie waren auf einfachen Holzpfählen errichtet, manche einen, manche zwei, viele sogar
nur einen halben Schritt hoch. Alles in allem schien es ihm ganz und gar kein guter Ort zu sein, um sich vor seinen Verfolgern zu verbergen!
Wie zur Bestätigung seiner Gedanken wurde es in diesem Augenblick wieder laut. Das Geschrei der Trötflieger kam zurück und hinein mischte sich das Stampfen
von derben Stiefeln. Fackelschein erhellte die Straßen. Pirino preßte sich noch tiefer in den Matsch. Er wagte kaum Luft zu holen Aus seinem Versteck heraus
entdeckte er zu seinem namenlosen Entsetzen nicht nur eine ganze Menge aufgeregt gestikulierende Soldaten vom Palast, sondern auch noch mindestens zwei
Dutzend Stadtwachen, die offenbar von den fliegenden Spionen herbeigeholt worden waren! Ihre rauhen Stimmen hallten durch die Nacht. „’s ist 'n Novize aus’m
Schloß! Ist ausgerissen!“ „Haben schon den ganzen Hügel abgesucht!“ „Muß in die Stadt gerannt sein!“ „Den erwischen wir!“ „Los, los, Beeilung!“ Der Lärm,
den die Männer veranstalteten, mußte bereits die halbe Stadt aus dem Schlaf gerissen haben! Schon wurden Fenster und Türen der umliegenden Häuser
aufgestoßen. „Was geht hier vor?“ „Ist ein Unglück geschehen?“ Mehrere der Bewohner kamen auf die Straße hinaus, einige in Kleidungsstücken, die sie sich
offenbar in größter Hast übergeworfen hatten, andere nur mit einem über das Nachtgewand geschlungenen Umhang. „Ein Junge?“ schrie einer von ihnen, als die
Männer ungeduldig das Vorgefallene berichteten. „Ein Junge war grad eben an meiner Tür, aber ich hab ihn natürlich weggescheucht! Er hat gesagt, er wäre der
Sohn von einem Romerto, oder so ähnlich!“ Pirino rutschte das Herz in die Magengrube. „Verdammt, das war er!“ schnauzte der Anführer der Palastwachen.
„Habt Ihr wenigstens gesehen, wohin er gelaufen ist?“ „Das nicht! Aber er kann ja noch nicht weit gekommen sein!“ Verzweifelt schob sich der Junge auf der
Rückseite des Hauses ins Freie und hastete in die entgegengesetzte Richtung. Nur weg von den Soldaten, von all den Leuten, die ganz gewiß nicht zögern würden,
sich an der Jagd auf ihn zu beteiligen. Doch er merkte nur zu schnell, daß er endgültig in der Falle saß! Wohin er auch lief, überall stieß er auf weitere Wachen und
das Kreischen der Trötflieger, die unablässig über der Stadt hin und her flogen, brachte ihn fast um den Verstand. Kreuz und quer hetzte er durch die Straßen,
quetschte sich in verborgene Winkel, schlüpfte erneut hinter Pfeiler oder Sträucher. Mehrere Male entkam er seinen Verfolgern so knapp, daß er es selbst kaum
glauben konnte. Aber seine Kräfte ließen immer mehr nach.
Schließlich knickten seine Knie einfach ein. Er schaffte es gerade noch, sich zu einem dornigen Gebüsch zu schleppen, das in der Nähe eines der großen Stadttore
wuchs. Ohne sich sonderlich um die Stacheln zu scheren, die ihm die Robe zerfetzten und tiefe Kratzer in seine Haut rissen, kroch er hinein. Vollkommen erschöpft
kauerte er sich dort zusammen und kniff die Augen fest zu, wie ein kleines Kind, das Verstecken spielen will. „Ich bin nicht hier! Ihr könnt mich nicht sehen! Ich bin
überhaupt nicht hier!“ stöhnte er lautlos. Zitternd preßte er die Hände vor die Ohren. Trotzdem hörte er die bedrohlichen Rufe, die mal näher kamen, mal sich
entfernten, aber nicht verstummten: „Sucht ihn! Wir müssen ihn finden! Er darf nicht entkommen!“