Über kaum eine Oper ist wohl so viel gerätselt, gemutmaßt und geforscht worden wie gerade über die Zauberflöte. Ist sie Märchen oder Mystrerium? Ein böser Zauberer, der ein unschuldiges, junges Mädchen entführt, eine verzweifelte Mutter, die einen tapferen Jüngling mit der Rettung beauftragt und ihm als Lohn die Hand ihrer Tochter verspricht das ist der Stoff, aus dem die Märchen (und Opern) gemacht sind. Jetzt muß nur noch der unerschrockene Jüngling allen Gefahren trotzen, seinen Feind besiegen und am Ende mit seiner Angebeteten glücklich werden, dann sind alle zufrieden.
Auch die Zauberflöte scheint zunächst ganz nach diesem Muster gestrickt zu sein: Prinz Tamino soll Pamina retten, die Tochter der Königin der Nacht, die von dem mächtigen Herrscher Sarastro geraubt wurde. Auch ein erster Blick in das Reich des Entführers paßt noch in dieses Konzept: Pamina wird von Monostatos, dem Sklavenaufseher Sarastros bewacht, und muß sich ununterbrochen gegen dessen Nachstellungen zur Wehr setzen. Der Zuschauer sieht es, leidet mit und wartet ungeduldig darauf, daß Tamino endlich kommt und diesem ganzen Unrecht ein Ende bereitet. Die Königin der Nacht ist böse darum muß sie am Ende bestraft werden.
Sarastro ist gut und weise darum muß er am Ende der Sieger sein. So ist das nun einmal im Märchen. Gerade in den Märchen ist meist in verschlüsselter Form tiefe Symbolik und Weisheit verborgen.
Zum Beispiel ist es sicher kein Zufall, daß sich die Handlung der Zauberflöte laut Partitur in Ägypten abspielen soll. Zwar waren Orient und alles "Exotische" zur Zeit der Uraufführung gerade groß in Mode und möglicherweise sollte mit dieser Ortsangabe einfach dem allgemeinen Interesse Vorschub geleistet werden. Andererseits aber galt Ägypten von alters her als Quelle größter Weisheit und Ursprung der meisten religiösen Strömungen.
Auffällig ist etwa die Bedeutung von Zahlen, wie etwa der Drei (3 Damen, 3 Knaben, 3 Prüfungen, dreimaliger Akkord, Papageno wird beim dritten Zusammentreffen mit Papagena vereint) oder der Sieben: Der Kampf zwischen Sarastro und der Königin der Nacht dreht sich um das Machtsymbol, den siebenfachen Sonnenkreis (übrigens auch ein Symbol, das eindeutig im ägyptischen Götterglauben anzusiedeln ist). Es ist fraglich, ob man diese Zahlensymbolik tatsächlich den Freimaurern zuordnen sollte. Ganz gewiß aber sind diese, nicht nur bei den Freimaurern, "heiligen" oder "magischen" Zahlen nicht zufällig gewählt worden.
Aber auf einmal gerät der voraussagbare Ablauf des Märchens gehörig ins Wanken: Sarastro entpuppt sich nicht als Tyrann aus weiser Voraussicht hat der Herrscher Pamina ihrer Mutter entrissen. Die Königin der Nacht zeigt sich nicht mehr als verzweifelte Mutter, der das Mitgefühl des Betrachters gehört, sondern als machthungrige, ja, rachsüchtige Herrscherin. Die drei Knaben, die Tamino von der Königin der Nacht als Ratgeber zugeführt wurden, stehen plötzlich auf der Seite ihres Gegenspielers. Der Zuschauer wird immer wieder in Verwirrung gestürzt.
Tamino erhält von der Königin als Geschenk eine Zauberflöte, die ihn in Gefahr und Unglück, die ihm bei der Rettung Paminas aus Sarastros Händen drohen, beschützen soll. Und just diese Flöte ist es dann, die ihn und Pamina dann die letzte, gefährlichste Prüfung in Sarastros Reich bestehen läßt.
Als Wegweiser und Berater werden ihm, ebenfalls von der Königin, die drei Knaben beigegeben. Somit muß der Zuschauer annehmen, daß diese ihre Abgesandten oder Diener sind. Aber schnell zeigt sich, daß sie eindeutig auf der Seite Sarastros stehen, seine Mittler und Hilfskräfte sind.
Und Sarastro selbst? Er hat Pamina entführt, um sie dem Einfluß "ihrer stolzen Mutter" zu entziehen und sie gleichzeitig Tamino zuzuführen, dem er den Weg eines Eingeweihten oder gar seines Nachfolgers vorbestimmt hat. Tamino den die Königin der Nacht ausgesandt hat, um ihr Pamina zurückzubringen! Was ist denn da nur los?
Ist Sarastro vielleicht ein Hellseher, der alle Schritte seiner Gegenspielerin schon kennt und darum entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen kann?
Und die Königin? Ist sie so machtlos, daß sie andere für ihre Belange einspannen muß und dabei gleichzeitig so naiv, daß sie nicht weiß, auf welcher Seite ihre Handlanger stehen?
Wer sind diese beiden und was sind ihre Absichten? Sarastro ist das Oberhaupt der Eingeweihten, der Herrscher, der die Geschicke seiner Untergebenen lenkt. Die obersten Gebote seines Ordens sind Tugend, Verschwiegenheit und Wohltätigkeit. Pamina gegenüber versichert er, als sie ihn um Gnade für ihre Mutter anfleht, daß ihm Rachegedanken fernliegen. Dennoch schreckt er keineswegs vor Härte oder gar Gewalt zurück, wenn das seinen Plänen dient: Pamina wird von ihrer Mutter getrennt, ohne die Gründe dafür zu erfahren. Monostatos verurteilt er für seine Übergriffe zur Auspeitschung, selbst die Todesstrafe scheint an seinem Hof durchaus gebräuchlich zu sein, wie man sowohl dem Gespräch dreier Sklaven als auch der ersten Unterhaltung Paminas mit Papageno entnehmen kann.
Trotzdem preisen seine Untertanen seine Tugend und Gerechtigkeit. Und nicht nur sie, auch Pamina spricht nur mit Ehrerbietung, ja, Hochachtung von ihm.
Über Herkunft und Wesen der Königin der Nacht erfährt der Zuschauer anfangs nur wenig. Er sieht nicht in erster Linie die stolze, "sternflammende Königin", sondern eine trauernde Mutter, deren Verzweiflung über die Entführung ihrer Tochter sicher nicht gespielt ist. Auch Pamina spricht immer wieder von ihrer "guten, zärtlichen Mutter", nach der sie sich sehnt.
Kein Zweifel: Pamina hat von ihrer Mutter Liebe erfahren, bis zum Ende kann und will sie eigentlich nichts Böses von ihr glauben.
Doch die Zuneigung zu ihrer Tochter ist nur ein Wesenszug im Charakter der Königin. Sie, einstmals die Gattin eines mächtigen Herrschers, ist auch eine stolze, unbeugsame Frau, die von ihrem Ehrgeiz geleitet wird.
Wer war nun ihr Gemahl, Paminas Vater? Keinesfalls war er ein "König der Nacht", sondern, im Gegenteil, ein Eingeweihter und der Hüter des siebenfachen Sonnenkreises. Darüberhinaus muß er über magische Kräfte verfügt haben: in einer Zauberstunde, so berichtet Pamina, schnitt er aus dem tiefsten Grund der tausendjährigen Eiche die wunderbare Flöte heraus. Den siebenfachen Sonnenkreis aber, dieses Zeichen größter Macht übergab er nun in seiner Todesstunde nicht seiner Gattin, sondern seinem Nachfolger unter den Eingeweihten: Sarastro.
War es diese Entmachtung, die erst die Trennung der Königin von den Eingeweihten ausgelöst hat? Ist sie erst dadurch zu dem geworden, als was wir sie kennenlernen: der Königin der Nacht, die gegen Sarastro, den Repräsentanten des Lichts und der Sonne ankämpft? In diesem Kampf allerdings ist ihr jedes Mittel recht: um den siebenfachen Sonnenkreis zu erlangen, befiehlt sie ihrer Tochter, Sarastro zu erdolchen und droht, sie zu verstoßen, wenn sie diesen Auftrag nicht ausführen sollte. Als dieser Plan mißlingt, verspricht sie Monostatos dafür Paminas Hand, daß er sie in den Tempel führt.
Ist Sarastro doch ein Tyrann, ein großer Puppenspieler, der nach seinem Belieben an den Fäden zieht, ohne Rücksicht auf diejenigen, die daran hängen? Und die Königin eine Frau, der erst durch ihren Gatten, dann durch dessen Nachfolger, so schweres Unrecht widerfahren ist, daß alle anderen Gefühle einzig durch den verständlichen Wunsch nach Vergeltung ausgelöscht sind?
Handelt sie wie eine Mutter, die zwar ihr Kind liebt, aber zu stolz , zu verblendet und zu eigensüchtig ist, um dessen tatsächliches Wohl im Auge zu behalten? Oder ist es der Machtkampf zweier Herrscher, der auf dem Rücken einer Unschuldigen, nämlich Paminas, ausgetragen wird?
Oder könnte es sein, daß die Feindschaft zwischen den beiden Kontrahenten nur Fassade ist? Daß der Kampf um die Herrschaft nichts als ein Bestandteil der Prüfung ist? Daß diese so verschiedenen und sich dabei gleichzeitig doch so ähnlichen Gebieter sich in Wirklichkeit ergänzen, so wie Tag und Nacht im Grunde eine Einheit bilden?
Könnte es sein, daß der Träger des Sonnenkreises und die Fürstin der Nacht in Wahrheit ein gemeinsames Ziel verfolgen?
Wer wird denn eigentlich geprüft?
Offiziell Tamino und Papageno aber nicht weniger Pamina!
Die schwersten Prüfungen hat zweifellos Pamina zu ertragen. Nachdem man sie, ohne jegliche Angabe von Gründen, von ihrer Mutter getrennt hat, entgeht sie am Hof ihres Entführers mehrmals nur knapp einer Vergewaltigung durch ihren Bewacher Monostatos. Ihre Mutter verlangt einen Mord von ihr, Monostatos erpreßt sie, will sie sogar umbringen und der Mann, den sie liebt, will scheinbar nichts mehr von ihr wissen. Erklärungen werden ihr keine gegeben somit muß Pamina sich von allen Menschen verlassen und verstoßen fühlen. Wer will es ihr da verdenken, daß sie verzweifelt und keinen anderen Ausweg mehr sieht, als sich das Leben zu nehmen! Erst als es fast zu spät ist, greifen die drei Knaben ein.
Aber welcher Zweck soll mit all diesen Prüfungen für sie verfolgt werden? Die Wahrung von Tugend und Wohltätigkeit auch in Einsamkeit und Gefahr und unter der Verlockung, auf gewaltsame Art Macht zu erlangen einem Ansinnen, das ihr ausgerechnet von dem Menschen gestellt wird, dem sie bis zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich am meisten vertraut hat?
Pamina widersteht der Versuchung und wird dadurch würdig, den Weg und das Schicksal ihres Gefährten Tamino zu teilen.
Pamina und Tamino sind es, die die Prüfungen durchlaufen und schließlich als Geweihte in den Tempel aufgenommen werden.
Aber Sarastro und die Königin der Nacht, das heißt, die Kräfte von Licht und Finsternis, sind es, die die Prüfungen erst ins Leben rufen, sei es nun unbeabsichtigt oder gar in einem geheimen Einvernehmen, und dadurch am Ende aus zwei Hälften ein Ganzes erschaffen.
aus dem Programmheft zur Opernproduktion "Die Zauberflöte" anläßlich der Sommerfestspiele 1999 in der Kaiserpfalz Gelnhausen
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